Flucht: Dauerzustand Ausnahmezustand

Im Leben einer*s Freiwilligen stellt sich schnell eine neue Art von Alltag ein. Nach der anfänglichen Überforderung mit der Gesamtsituation kommt man schnell in die Abläufe rein, die die Arbeit vor Ort mit sich bringen und entwickelt seine eigenen Routinen. Jeden zweiten Tag mit den mobilen Duschen raus fahren, dazwischen planen, Ausrüstung reparieren, in der Soli-Küche oder im Sachspendenlager aushelfen. Abends Strom und Wasser bereitstellen, bei der Essensausgabe helfen, mit Flüchtenden quatschen. Doch manchmal passiert etwas, das mit diesen Routinen bricht, einen aufweckt und verdeutlicht, was diese Arbeit bedeutet; eine besondere Geschichte, ein berührender Moment, eine schockierende Nachricht.

Am Donnerstagmorgen, den 26. Juni, war es für mich und viele andere Freiwillige, sicherlich die Nachricht der Zwangsräumung des Squats. Hierbei handelt es sich um eine eingefallene Fabrikanlage am Rande Šids. Dort hatten ungefähr 100 Flüchtende Unterschlupf gesucht und sich ein temporäres Zuhause aufgebaut. Wir wachten auf, schauten auf unsere Handys, und sahen die verpassten Anrufe und Nachrichten von Flüchtenden, die wir schon etwas besser kennengelernt hatten. Wir waren sofort in Alarmstimmung und beschlossen nach kurzer Diskussion zum Squat zu fahren um zu schauen ob wir etwas tun können. Die Stimmung war bedrückt, da jede*r Jemanden kannte, den die Polizist*innen mitgenommen hatten.

In den Tagen zuvor kursierten bereits Gerüchte, dass eine großangelegte polizeiliche Zwangsräumung geplant sei. Es wurden Polizeibusse in Šid gesichtet, das geschlossene Lager in Preševo wies anscheinend noch freie Kapazitäten auf, und die Polizei war in den letzten Wochen verdächtig ruhig gewesen. Doch ganz geglaubt hatte es wohl niemand. Auch viele der Flüchtenden nicht. Zudem hatte es Mittwochnacht stark gewittert, sodass einige Flüchtende, die eigentlich schon aus dem Squat ausgezogen waren, dort wieder Unterschlupf gesucht hatten.

Was genau in dieser Nacht passiert ist, wissen nur die Polizei und Betroffene. Berichten von Flüchtenden zufolge kamen die Polizist*innen gegen fünf Uhr nachts. Sie fuhren mit drei Bussen und weiteren Polizeiwagen vor und umstellten die Anlage von allen Seiten bevor sie begannen, Flüchtende festzunehmen. Mir wurde gesagt, dass die Polizist*innen Flüchtende teilweise mit Tritten aufweckten und mit gezogener Dienstwaffe abtransportierten. Einige, die auf dem Dach übernachtet hatten, wagten den drei bis vier Meter hohen Sprung vom Dach der Fabrikanlage und versuchten an den Beamt*innen vorbei zu laufen. Insgesamt nahmen die Beamt*innen zwischen 90 und 100 Flüchtende fest. Das Camp in Preševo hat keinen schlechten Ruf, zumindest wurde mir dies von den Menschen, die bereits dort waren und anderen Freiwilligen erzählt. Allerdings ist es eine geschlossene Unterkunft und es liegt nahe der mazedonischen Grenze. Wenn es dennoch gelingt das Camp zu verlassen, bedeutet die Reise zurück an die kroatische Grenze für die Flüchtenden erhebliche finanzielle Belastungen und die Gefahr nochmals festgenommen zu werden.

Im Leben der Flüchtenden gibt es keinen Alltag. Jeden Tag aufs Neue wissen sie nicht, wo sie morgen sein werden, ob sie vielleicht festgenommen werden oder etwas Anderes passiert. Auch für die Flüchtenden, die jetzt noch in Preševo festsitzen, wird dies wohl nur ein kurzer Zwischenstopp sein, bevor sie ihre lange Reise fortsetzen.

Update: am Mittwoch den 28. Juni hat eine weitere Zwangsräumung in und um den Squat stattgefunden. Die Polizist*innen kamen wieder in der Nacht und haben schätzungsweise 80 Flüchtende festgenommen.

Geschrieben von Felix

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