Der erste Geburtstag

Ein Kommentar von Jakob zum Vereinstreffen am vergangenen Wochenende in Jena:

Im letzten Frühjahr zählte ich zu den Menschen, die voller Aufbruchstimmung einen Verein gründeten, um ihr damaliges Engagement in größerem und verlässlicherem Rahmen weiterführen zu können. Einerseits habe ich damals viel Energie aufgewendet, um die Vereinsgründung voranzubringen. Und andererseits: Ja, andererseits war ich mir überhaupt nicht sicher, ob das langfristig auch etwas werden würde. Ein bisschen Zweifel blieb in mir.

Die Zweifel sind weg. Sie sind im Laufe des letzten Jahres immer weniger geworden und haben sich am vergangenen Wochenende in Luft aufgelöst. Denn am Wochenende habe ich mit Staunen erlebt, wie 15 Menschen auf einem beeindruckenden Niveau zusammengearbeitet haben. Und das, obwohl sich einige erst bei diesem Treffen kennenlernten.

Ich habe erlebt, wie junge Leute früh aufstehen, um mehr als 16 Stunden am Wochenende zu tagen. Ich war Teil inhaltlicher Diskussionen, in denen spürbar wurde, mit welchem Ernst und welcher Begeisterung jede*r Einzelne etwas zur Entwicklung von Rigardu beitragen will. Ich war verdutzt über kritische Fragen, die zum Hinterfragen zwangen und uns letztendlich weiter brachten. Ich habe auf einmal einen roten Faden erkennen können, der bei den letzten Treffen anknüpfte und in eine spannende Zukunft weist. Ich durfte die Begeisterung der ganzen Gruppe spüren und die Gänsehautmomente, in denen uns bewusst wurde, dass wir auch ein bisschen stolz sein dürfen. Und es war wirklich erfrischend, wie schnell die Vereinsformalia abgehandelt waren, um genügend Zeit für inhaltliche Fragen zu lassen.

Denn es waren keine leichten Themen, die wir uns vorgenommen hatten. Es war eine folgerichtige Entscheidung, sich für die Diskussion um unser politisches Leitbild eine externe Moderation zu holen. Erst dadurch wurde das Erstaunliche möglich: Wir haben unser politisches Selbstverständnis im Konsens beschließen können, so wie wir es uns für solche Entscheidungen vorgenommen hatten. Das fühlt sich richtig gut an!

Erst als wir am Sonntag aus Jux die Schmierzettel mit den Redner*innenlisten ausgewertet haben (wer am wenigsten den Mund halten konnte, bleibt ein Geheimnis ;-), ist mir etwas bewusst geworden: Wir haben kein einziges Mal über Gesprächsregeln gesprochen. Und dennoch haben wir in einer wertschätzenden Atmosphäre diskutiert, die ich selten erlebe. Und wenn’s mal hektisch wurde: Kurze Blicke, jemand nimmt einen Zettel zur Hand und alle folgen der Redner*innenliste, die in heißen Phasen geführt wird. Egal ob zustimmendes Händeschütteln bei Diskussionsbeiträgen oder ein aufmerksamer Hinweis, zurück zum Thema zu kommen: Die Gesprächsebene blieb den Teilnehmenden immer im Blick.

Das Treffen hat mir auch gezeigt, dass wir in vielen Punkten professioneller geworden sind. Die Langfristigkeit unserer Planungen ist gestiegen, wir haben unsere Arbeitsstrukturen überarbeitet und werden zukünftig eine umfangreiche Onlineplattform (Wiki) für die vereinsinterne Kommunikation nutzen. Auch dass wir über Supervision sprechen, zeigt, dass wir mit einem anderen Blick auf unsere Arbeit schauen. Eine Teilnehmerin am Wochenende hat es treffend zusammengefasst: Unsere Arbeit darf nicht dazu führen, junge Menschen zu verbrennen und es ist legitim, sich vorübergehend zurückzuziehen, um Kräfte zu sammeln. Das kann uns als Verein im Herbst betreffen und gilt für jede einzelne Person, die sich in unseren Projekten engagiert. Darum werden wir auf zukünftigen Treffen einen Rahmen für Team-Coaching schaffen und eine Möglichkeit einrichten, dass alle, die in unseren Projekten arbeiten, persönliche Supervision (z.B. in Form psychosozialen Coachings) in Anspruch nehmen können.

Ich habe zum Glück nie gezählt, wie viele Stunden ich seit den Anfängen von Rigardu in diese Sache gesteckt habe. Besser so, es wäre vielleicht etwas erschreckend. Und manchmal hatte ich auch die Befürchtung, dass diese Verantwortung immer an uns hängen bleiben könnte. An den Menschen der ersten Stunde. Und ich habe immer gehofft, dass es uns nicht zu viel wird. Deshalb war meine schönste Erfahrung an diesem Wochenende auch, gleich mehrere neue Gesichter kennenzulernen. Menschen, die unsere Projekte mitgestaltet haben und nun Rigardu genauso als ihre Sache begreifen wie ich und Andere, die von jetzt auf gleich voll einsteigen und verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen, deren neue Impulse uns in die Entwicklung drängen. Ich wünsche mir, dass wir weiterhin so offen sein werden für neue Menschen, neue Ideen und frischen Wind!

Auch wenn Rigardu noch nicht ganz erwachsen ist (und es hoffentlich auch nie ganz werden wird): Zum ersten Geburtstag haben wir laufen gelernt!

Kommentar verfassen