Zentrum der kulturellen Schönheit

Langsam aber sicher haben wir für das Zentrum einen Rhythmus gefunden. Fast hätte ich das Wort „Alltag“ verwendet, aber das hätte es nicht wirklich getroffen. Dafür gleichen sich die Tage viel zu wenig. Ich glaube aber, dass man nur schwer nachvollziehen kann, was hier in den letzten zwei Wochen eigentlich genau entstanden ist, wenn man es nicht selbt gesehen hat.

Deshalb gibt’s jetzt einen Überblick über unser offenes Haus, unser neu geschaffenes Zentrum der kulturellen Schönheit (offiziell: „Integration Center“ oder „Cultural Center“).

Die Räumlichkeiten

Für das Zentrum hat die serbische NGO „Refugees Foundation“ ein kleines Haus angemietet. Es befindet sich 5 Gehminuten von den Parks entfernt in einer belebten Straße. Die Miete dafür wird über Spenden finanziert, auch über Spenden an Rigardu e.V.

Wenn man das Haus von der Straße betritt, befindet man sich direkt im oberen Stockwerk, bestehend aus nur einem großen Raum. Hier steht eine Tischtennisplatte, ein Mini-Tischkicker, ein Sofa und einige weitere gemütliche Sitzgelegenheiten. Oft wird dieser Raum zum Spielen oder Telefonieren genutzt. Außerdem zeigen wir hier einmal am Tag einen Film über den Beamer.

Über eine schmale Wendeltreppe erreicht man den großen Raum des unteren Stockwerks. Dieser Raum ist gemütlicher eingerichtet und wir halten uns darin ohne Schuhe auf. Die Tische sind viel niedriger, sodass man einfach auf dem Teppich sitzen kann. Meistens wird hier Karten gespielt oder Menschen ruhen sich aus. Oft läuft über Handys oder externe Lautsprecher Musik; manchmal versucht sich jemand an der Gitarre. Meistens wird auch einfach Tee getrunken und geplaudert. Bald soll hier Englischunterricht stattfinden – dazu haben wir eine große Tafel an die Wand gehängt.

Im unteren Stockwerk gibt es auch eine kleine Küche, sowie Toilette und Dusche. Diese Dusche wird von Flüchtenden regelmäßig benutzt; wir stellen dafür Handtücher und Shampoo zur Verfügung.

Um in den Außenbereich zu gelangen, muss man durch das Fenster steigen.

Diese Dachterrasse ist betoniert und wir haben einige Sitzgelegenheiten aus Paletten gebaut. Außerdem steht hier das Schuhregal. Besonders stolz sind wir auf unseren neuen Garten, für den wir extra ein Mäuerchen gebaut und massenweise Erde und Pflanzen herangeschafft haben.

Über den Außenbereich erreicht man auch den kleinen Schuppen, in dem wir Werkzeug und Baumaterialien lagern. Das ist sinnvoll, da wir fast alle Möbel selbst gebaut haben.

Ein Tag bei uns

Wir haben an jedem Wochentag geöffnet, jeweils von 13 bis 19 Uhr. Viele kennen unsere Öffnungszeiten und schon kurz nach 13 Uhr ist hier was los. Meistens haben wir noch irgendwelche Bauprojekte, die wir nebenher weiterführen – natürlich gemeinsam mit den Refugees. Heute haben wir zum Beispiel eine Treppe gebaut, um einfacher durch das Fenster in den Außenbereich zu kommen.

Gegen 15:30 Uhr starten wir den Film. Unsere Besucher genießen Bollywood-Filme, die wir jeweils am Vortag gemeinsam auswählen und dann vorbereiten. Zum Glück haben wir dafür einen Beamer und ausreichend kraftvolle Lautsprecher, sodass es sich fast wie in einem Kino anfühlt. In Zukunft wollen wir auch Popcorn machen, müssen aber erst noch den Gaskocher installieren und Töpfe kaufen.

Gegen 19 Uhr schließen wir, wobei sich das auch manchmal etwas hinauszögert. Normalerweise müssen wir niemanden hinausbitten, da die Menschen dann auch mit dem Bus in das Camp außerhalb der Stadt fahren wollen oder sich etwas zu Essen holen. Für uns heißt es dann: Aufräumen, Putzen, Besprechen. Was nehmen wir uns für den nächsten Tag vor? Was wollen wir an unseren Räumlichkeiten, an den Regeln oder den Angeboten ändern?

Etwa zweimal pro Woche machen wir weiterhin den Waschtag im Park: Wir gehen mit Schüsseln und Handwaschmittel an einen Brunnen und Flüchtende können ihre Kleidung waschen. In Belgrad ist es immer noch sehr warm, sodass die Sachen in der Sonne gut trocknen können.

Wofür wird unser Zentrum von den Besuchern und Besucherinnnen geschätzt?

Meistens sind unsere Besucher männlich und zwischen 16 und 30 Jahre alt. Natürlich gibt es ein paar Regeln bei uns, aber prinzipiell kann jede Person ihre Zeit bei uns so verbringen, wie sie möchte. Es gibt keinen Druck, an irgendwelchen Angeboten teilzunehmen. Einige sind sehr kontaktfreudig, Andere weniger. Wer Tischtennis spielen möchte, darf das tun; wer nur unser Internet nutzt um mit seiner Familie zu telefonieren, darf das natürlich auch. Und selbstverständlich schätzen viele Besucher unsere Toilette und die Möglichkeit, sich einen Tee oder Kaffee zu machen. Unser Laptop ist fast durchgehen in Benutzung, wobei fast nur Musik über Youtube gehört wird.

Unsere „kulturellen Angebote“, wie Sprachkurse, Gitarren, Zeichenutensilien, Spiele und die Tafel geben die Möglichkeit, sich auch kreativ auszuleben und etwas Neues zu lernen. Das ist etwas von dem ich glaube, dass es auf der Flucht oft nicht möglich ist.

Außerdem fühlt sich unser Außenbereich an, wie eine kleine Oase. Es gibt, besonders seit die Parkflächen gepflügt wurden, damit keine Flüchtenden mehr dort schlafen können, wenig bepflanzte Stellen in Belgrad. Unser Beet ist der einzige Ort, an dem wir bis jetzt Marienkäfer und Schmetterlinge beobachten konnten. Und wenn dort die Katzen zwischen den Blumen liegen, strahlt das eine wunderbare Gemütlichkeit aus. Für mich ist das unglaublich entspannend und ich glaube, dass es den Menschen auf der Flucht gut tut.

Verfasst von Martin

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