Raus aus der Schublade

Häufig verschwimmen in Berichterstattungen über die aktuelle Situation der Geflüchteten viele verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zu einer homogenen Masse.

Auch uns fällt auf, dass wir meistens von den „Afghanen im Park“ oder den „Flüchtenden im Center“ sprechen. Unter anderem deshalb haben wir versucht, die Menschen, mit denen wir einen Großteil des Tages verbringen, näher kennenzulernen und haben dabei auch einige Freundschaften geschlossen. Schnell wurde klar: nicht alle Afghanen trinken am liebsten Grünen Tee und nicht jeder, der auf der Flucht ist, kennt Angela Merkel. Viele der jungen Männer waren offen für Gespräche. Sowohl auf der sonnigen Terrasse als auch im Tumult zwischen Gitarrenklängen und hitzigen Diskussionen beim Kartenspiel, haben sie uns gerne aus ihrem Leben erzählt. So beispielsweise auch die drei Afghanen Nasif, Kashif und Khanwali. Die drei kamen über den Iran, die Türkei und Bulgarien nach Belgrad. Momentan müssen alle drei im sogenannten „Afghanenpark“ übernachten.

Nasif hatte vor kurzem noch einen Platz im Camp in der Nähe von Belgrad, dieser wurde ihm allerdings am vergangenen Montag wegen fehlender Papiere versagt. Das gleiche Problem haben derzeit viele Flüchtende in Belgrad. Nasif hatte mit seinen 23 Jahren bereits eine Festanstellung in einer IT-Firma in Afghanistan. Nebenbei studierte er im siebten Semester Informatik. Allerdings kooperierte seine Firma mit US-amerikanischen Unternehmen, weshalb die Taliban auf ihn aufmerksam wurden und er Drohbriefe erhielt, die seine Verhaftung ankündigten. Aus Angst vor Folter und Todesstrafe beschloss er mit Unterstützung seiner Familie, das Land zu verlassen.

Ganz anders geht es dem sechzehnjährigen Kashif, der ohne Rücksprache mit seiner Familie Afghanistan verließ. „Als jüngster von fünf Söhnen hätten meine Brüder mich für verrückt erklärt und niemals gehen lassen“. Ein wenig bedrückt berichtet er, dass er seine Familie erst nach drei Wochen im Iran kontaktierte. Diese hatte zuerst sehr wütend reagiert, da sie davon ausgegangen war, dass er ein Opfer der Taliban geworden sei. Mit einem Lächeln fügt er hinzu, dass er inzwischen die Unterstützung seiner Familie genieße und nach einem langen Telefonat sogar seine Mutter besänftigen konnte. Wie schwierig es werden würde, sein Traumziel Spanien zu erreichen, war ihm nicht bewusst. „Ich habe von  vielen Freunden gehört, wie friedlich es dort sein soll und mir gar nicht so viele Gedanken über den Weg dorthin gemacht“.

Khanwali ist ebenfalls erst 16 und berichtet uns im Gegensatz zu Kashif von ausführlichen Internetrecherchen über die Flucht in europäische Länder. Sein Traumziel sei Tschechien. Er habe viel über das Land gelesen und die Vorstellung dort zu sein gefalle ihm einfach am besten. Aufgrund der Erzählungen seiner Freunde konnte er sich ein realistisches Bild der Flucht machen. „Ich wusste, dass es sehr schwer werden würde nach Europa zu kommen, aber ich möchte unbedingt weiter in die Schule gehen“. Khanwali ist das jüngste und erste Familienmitglied, dass die Schule besuchen durfte. Allerdings wurde dies zu gefährlich für ihn, weil seine Eltern Angst vor einem Anschlag auf die Schule hatten.

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Anna, Khanwali und Lolla

Momentan kann sich natürlich keiner der drei vorstellen zurück nach Afghanistan zu gehen. Während die beiden Sechzehnjährigen sich ein friedliches Afghanistan nicht vorstellen können, hat Nasif diese Hoffnung noch nicht aufgegeben. „Eines Tages gehe ich zurück und helfe in meinem Heimatland, wieder Ordnung zu schaffen“.

In das Center kommen die drei regelmäßig, um Freunde zu treffen, Karten zu spielen und sich bei einer Tasse Tee von den Nächten im Park zu erholen. Nasif nutzt die Chance außerdem, um ein wenig Französisch von uns zu lernen, da er gerne zu seinem Bruder nach Frankreich möchte. Das Einzige was ihm im Center noch fehlt ist ein vernünftiger Boxsack, erklärte der ehemalige Profiboxer uns lachend. Khanwali freut sich besonders über das Filmangebot. Am liebsten sieht er Bollywoodfilme mit einem romantischen Happyend. Währenddessen nutzt Kashif gerne das Internet um nicht noch einmal den Kontakt zu seiner Familie zu verlieren.

Wir sind sehr froh über diese und viele weitere tolle Bekanntschaften der vergangenen Tage. Und so plakativ es klingen mag: Wir sind dankbar für diese Möglichkeit des Austauschs, denn es ist toll die Gesichter im Center mit Geschichten verbinden zu können.

 

Verfasst von Tim, Anna und Lolla

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