Flüchtlinge, Moslems, Schutzsuchende, Asylanten, Geflüchtete

Ich glaube daran, dass Sprache unsere Wahrnehmung beeinflusst. Daran, dass man emotional anders wahrnimmt, wenn Dinge auf eine andere Weise formuliert sind. Und ich finde es deshalb wichtig, auf meine Sprache zu achten.

In der Sprachwissenschaft bedeutet Konnotation die Nebenbedeutung eines sprachlichen Ausdrucks. Im Vordergrund der Betrachtung steht meist die Konnotation einzelner Wörter. In der Wortsemantik bezeichnet Konnotation die zusätzliche gedankliche Struktur, die die Hauptbedeutung (die Denotation) eines Wortes begleitet und die stilistischen, emotionalen, affektiven Wortbedeutungs-komponenten enthält – also das, was bei der Verwendung eines Begriffs bewusst oder unbewusst noch mitschwingt.

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Konnotation

Für mich bedeutet das, dass Diskriminierung auch ohne direkt diskriminierenden Aussagengehalt möglich ist. In der Wikipedia heißt es weiter:

So hat das Wort Köter im Vergleich zu Hund eine negative Konnotation.

In der Debatte um Flüchtende wird oft versucht, Stimmung für oder gegen etwas oder jemanden zu machen. Viel öfter als mir noch vor Kurzem bewusst war, passiert das mithilfe von konnotierten Begriffen oder Satzteilen. Deshalb verwenden Einige den Begriff Fluchthilfe und andere sprechen vom Schleppertum. Versuche der Beeinflussung zu erkennen ist wichtig, um sich nicht von den automatisch mitschwingenden Emotionen leiten zu lassen. Natürlich sind Konnotationen abhängig von der individuellen Wahrnehmung, es gibt aber große Überschneidungen.

Deshalb ein paar Beispiele, die ich besonders offensichtlich finde:

In Blogeinträgen und natürlich auch in Gesprächen vermeide ich den Begriff Flüchtling. Der Suffix „-ling“ legt nahe (und dieser Ansicht ist auch unser Duden), dass es sich um einen abwertenden Begriff handelt. Andere Wörter mit dieser Endung, von denen eine Konnotation übertragen sein könnte: Feigling, Schwächling, Neuling, Rohling, Sonderling. Klar gibt es auch nicht-negativ konnotierte Wörter, die auf „-ling“ enden: Schmetterling.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Wort Asylant, dass glücklickerweise kaum mehr Verwendung in unserem Sprachgebrauch findet. Beispiele: Simulant, Ignorant, Querulant, Denunziant. Aber auch hier: Elefant.

Noch etwas stört mich an den beiden Bezeichnungen: Sie stellen die Fluchtsituation der Menschen in den Vordergrund und lassen in der Wahrnehmung kaum eine individuelle Persönlichkeit zu. Ein Flüchtling ist ein Flüchtling, sprachlich über seine Fluchtsituation definiert. Aber eine geflüchtete Person ist vielleicht Vater, vielleicht Informatikerin, vielleicht musikalisch. Deshalb bevorzuge ich es, von geflüchteten Menschen oder Flüchtenden zu sprechen.

Noch offensichtlicher ist es bei dem viel genutzten Begriff Flüchtlingskrise. Zunächst einmal legt er nahe, die Flüchtenden seien eine Krise und nicht ein Symptom. Das Wort Krise ist aber auch im allgemeinen Sprachgebrauch negativ besetzt, nicht erst seit der ähnlich klingenden europäischen Finanzkrise. In die gleiche Kategorie gehören für mich die Ausdrücke Flüchtlingswelle, die Verwendung des Wortes Flut im Zusammenhang mit flüchtenden Menschen, sowie Flüchtlingsstrom. Alles Wörter, die Angst machen können.

Auch für uns gibt es verschiedene Wörter, die eine prinzipielle Grundhaltung gegenüber unserer Arbeit verraten. Gutmenschen, das sind naive Idealisten, von ihrem ausgeprägten Helfersyndrom gesteuert. Aktivisten sind eine Gruppe chaotischer linkspolitischer junger Menschen, nicht selten radikal gesinnt. Mir gefällt am besten das Wort Helfende.

Ich wünsche mir, dass besonders die mediale Öffentlichkeit sich der Macht, die sie durch differenzierten Sprachgebrauch hat, bewusster wird.

Verfasst von Martin

 

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