Seit ca. 10 Monaten haben wir nun schon kein Projekt mehr in Serbien oder an einem anderen Ort auf dem Westbalkan. Nachdem wir das Duschsystem und die Ausgabe der Non-Food-Items (NFIs) an Escuela con Alma im Juli 2018 übergaben, holten wir den Sommer über erstmal Luft und beobachteten, wie sich die Situation veränderte.

Veränderung der Situation

Die medial präsenteste Route, die Flüchtende auf ihrem Weg nach Europa nehmen, ist die Route übers Mittelmeer, aber auch die Route über den Balkan wird häufig gewählt. Die sogenannte „Balkan-Route“ ist allerdings keine feste Route, sondern unterliegt ständigen Wandlungen abhängig vom Wetter und vor allem der politischen Lage. Als im Jahr 2015 zum Beispiel noch viele Menschen durch Ungarn reisten, veränderte sich dies, als Ungarn einen Grenzzaun baute und das Überwinden der nun physisch manifestierten Grenze immer schwieriger wurde.

Im Jahr 2017 versuchten viele Flüchtende, von Serbien über Kroatien in die Europäische Union einzureisen, weshalb wir unser Projekt für einige Monate nach Šid verlegten. Seit Sommer 2018 stieg die Zahl Flüchtender in Bosnien und Herzegowina rapide an und ist seitdem hoch geblieben. 2018 reisten 4,489 Menschen durch Bosnien, während es 2017 noch 766 waren1. Ebenso schnell kann die Zahl wieder sinken und die Route sich verändern.

Ein Projekt vor Ort?

Als die Zahl Flüchtender in Subotica, wo wir letzten Sommer noch unser Projekt hatten, sank, stand für uns die Frage im Raum, mit dem Projekt nach Bosnien umzuziehen. Andere Organisationen machten es vor, aber würden wir einen Neustart in Bosnien unter neuen Bedingungen und mit anderen Anforderungen schaffen?

Nach längerem Überlegen entschieden wir uns dagegen, da es bereits einige Organisationen in Sarajevo, Bihać und Velika Kladuša gab und wenig Bedarf nach einem weiteren Angebot bestand. Die Situation in Bosnien ist nach wie vor angespannt und es sind ähnliche Bilder wie in Serbien von menschenunwürdigen Umständen in den Camps und verlassenen Gebäuden, in denen Flüchtende wohnen, die uns erreichen.

Letztendlich ist es aber die Erfahrung aus drei Jahren humanitärer Unterstützung in diesem Bereich, die uns weiterhin von einem Projekt in Bosnien abhält. Wir sind professioneller geworden, und haben gesehen, dass kurzzeitige humanitäre Hilfe ohne die Zusammenarbeit mit lokalen Strukturen eher schaden als helfen kann. Der Schritt nach Bosnien ist mittlerweile auch rechtlich erschwert worden, denn für ein Projekt müssten wir uns als bosnische NGO registrieren, was fast unmöglich geworden ist. Außerdem können wir momentan keine effektive und längerfristige Projektleitung gewährleisten, die es für die Umsetzung eines Projekts in angemessener Weise benötigt. Dies bedarf Langzeitfreiwilliger, die für einen längeren Zeitraum ab drei Monaten für ein Projekt verantwortlich sein müssten.

Neuer Fokus – neuer Schwerpunkt

Stattdessen fokussieren wir uns vermehrt auf politische Bildung und die Durchführung von Seminaren an Schulen und in FSJ-Seminaren zum Thema Flucht und Migration. Nach wie vor empfinden wir dies als einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung und Meinungsbildung. Durch die Interaktion mit jungen Menschen regen wir zur Diskussion zu einem Thema an, zu dem wir aus eigener Erfahrung berichten können. Wir wollen damit der häufig hitzig geführten Diskussion in der Gesellschaft fundierte Argumente liefern und zur Unterstützung menschenwürdiger Werte beitragen, damit die Diskussion nicht auf dem Rücken der Leidtragenden, in diesem Fall der Geflüchteten, ausgetragen wird.

Das zweite große Projekt, auf das wir uns in Zukunft noch mehr konzentrieren wollen, ist das Watchdog-Netzwerk Border Violence Monitoring (BVM). Seit der Gründung des Projekts und der Veröffentlichung der Website 2017 ist das Netzwerk gewachsen und wurde in vielen nationalen wie internationalen Medien erwähnt. Da sich die Situation der Menschenrechtsverletzungen eher verschlechtert denn verbessert, sehen wir weiterhin Handlungsbedarf und wollen uns in Zukunft verstärkt auf die rechtliche und politische Dimension des Themas konzentrieren. Bisher gab es wenig (internationale) Vernetzung Aktiver in diesem Feld, weswegen BVM als eine Plattform dient, um dies zu vereinfachen. Aufgrund der europäischen Dimension des Problems ist Vernetzung wichtig, um gemeinsam stärker und effektiver agieren zu können und um gemeinsam Dinge zu verändern. Dies ist uns besonders vor der kommenden Europawahl im Mai wichtig, bei der sich der Kurs der EU für die nächste Periode von fünf Jahren entscheiden wird.

Entlang der roten Grenze verfolgen wir zur Zeit die Entwicklungen der Gewalt und der Menschenrechtsverletzungen

Über drei Jahre haben uns die Einsätze geprägt. Durch sie entstand überhaupt erst der Verein Rigardu e.V.! Wir haben uns weiterentwickelt und sind nun an dem Punkt, vorerst kein weiteres Projekt vor Ort zu starten. Dennoch bleiben wir unserem Fokus treu und werden weiterhin Menschen auf der Flucht unterstützen, aber anstatt mit humanitären Projekten vor Ort nun durch politische Einflussnahme, Mitgestaltung des gesellschaftlichen Diskurses und Veröffentlichung von Menschenrechtsverletzungen.

1. https://www.infomigrants.net/en/post/14974/significant-rise-of-illegal-entries-to-bosnia-in-2018↩ (Abgerufen am 19.03.2019)

Von Mieke

Kategorien: Allgemein

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