Politische Bildungsarbeit bei Rigardu

Worüber wir bisher kaum berichteten, ist unsere politische Bildungsarbeit. Seit der Gründung unseres Vereins, und auch zuvor, als wir noch „Voluntiere“ hießen, ist es uns ein Anliegen, nicht nur flüchtende Menschen zu unterstützen, sondern auch hier in Deutschland das Thema Flucht&Asyl zur Sprache zu bringen. Anlass dazu geben uns teilweise stark vereinfachende Medienberichte sowie verbreitete Vorurteile und Stereotype über Flüchtende oder Geflüchtete. Unser Ziel ist es, dafür zu sensibilisieren und durch persönliche Erfahrungsberichte Empathie zu wecken.

Politische Bildungsarbeit bedeutet konkret, dass wir im Rahmen von Projekttagen oder -wochen an Schulen, bei FSJ-Seminaren, Bürger*innenversammlungen, Jugendgruppen und in verschiedenen Einrichtungen Workshops oder Vorträge anbieten. Der Fokus kann dabei auf sehr unterschiedlichen Themen liegen. Während wir uns anfangs stärker auf Erfahrungsberichte von unseren Einsätzen konzentriert haben, ist mit der Zeit immer mehr Demokratie-, Anti-Rassismus- und Anti-Diskriminierungsarbeit hinzugekommen, sodass wir mittlerweile ein umfangreiches Repertoire an gesellschaftlichen Themen auf unserer Homepage anbieten können.

Manchmal wird von Trägern gezielt angefragt, ob wir einen Projekttag zu einem bestimmten Thema durchführen können. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn Lehrer*innen Diskriminierung auf dem Schulhof erleben und zuvor schon mal von uns gehört haben. Der häufigere Fall ist aber, dass wir die Träger per Telefon und E-Mail kontaktieren, den Verein vorstellen und unser Bildungsangebot anbieten. Dabei konzentrieren wir uns auf das Umfeld der Orte, in denen mehrere Rigardus wohnen. Leider gibt es nur vereinzelte Reaktionen von Seiten der Träger darauf, sodass Projekttage seltener zustande kommen, als wir es uns wünschen.

Unsere Ziele und Herausforderungen

Wenn wir von einer Schule oder Organisation eingeladen werden, stellt sich für uns die nächste Herausforderung, unsere Programmbausteine auf die jeweilige Zielgruppe anzupassen. Mit einer 6. Klasse, die weder in der Schule noch in der Umgebung mit Geflüchteten jemals in Kontakt gekommen ist, müssen wir ganz anders an das Thema herangehen, als in Gruppen, in denen nicht alle Teilnehmenden Deutsch als Muttersprache sprechen oder eventuell eigene Fluchterfahrungen gemacht haben.

Das Hauptziel der politischen Bildungsarbeit ist nicht, das Image von humanitären Hilfsleistungen aufzubessern oder um Spenden zu werben, sondern möglichst viele Menschen zur Diskussion einzuladen und vielleicht sogar zu einem Perspektivwechsel anzuregen. Uns ist wichtig, verschiedene Positionen im Sinne des Beutelsbacher Konsens zu Wort kommen zu lassen. Er beinhaltet außerdem das „Überwältigungsverbot (keine Indoktrination), die Beachtung kontroverser Positionen in Wissenschaft und Politik im Unterricht und die Befähigung der Schüler, in politischen Situationen ihre eigenen Interessen zu analysieren“.

Natürlich gibt es auch mal Schüler*innen, die sich mehr über einen unterrichtsfreien Tag freuen, als sich mit dem Thema tatsächlich auseinandersetzen zu wollen, aber wenn auch nur ein Teil der Gruppe mit einem kleinen Aha-Moment nach Hause geht, haben wir schon viel erreicht. So hoffen wir, einen kleinen Schritt zum Prozess der jugendlichen Meinungsbildung beitragen zu können.

Zu den Herausforderungen, die sich uns immer wieder stellen, zählt es, eine konstruktive Diskussion zu ermöglichen, bei der auch genügend Raum für neugieriges Nachfragen bleibt, obwohl unsere Workshopzeit fast immer zu knapp für alle offenen Fragen ist. Dieser Eindruck entsteht besonders, wenn am Ende der Zeit noch ganz grundsätzliche Fragen, z.B. nach der Gerechtigkeit von Privilegien, angestoßen werden, die als gute Ausgangssituation für spannende Gespräche genutzt werden könnten.

Unsere Rolle als Teamende

Auch machen wir uns immer wieder darüber Gedanken, wie die Teilnehmenden uns als Teamende wahrnehmen, denn vor allem, wenn die Teilnehmenden uns cool, lustig oder spannend finden und wir eine freundschaftliche und entspannte Atmosphäre schaffen können, lassen sie sich auch auf die Inhalte ein und sprechen ehrliche Fragen aus. Daher ist uns wichtig, dass die Teilnehmenden uns duzen und nach Möglichkeit keine Lehrkräfte anwesend sind, sodass die Teilnehmenden nicht das Gefühl haben, in einer Bewertungssituation zu sein.

Viele positive Erfahrungen und tolle Diskussionen mit Schüler*innen haben uns gezeigt, dass die richtigen Fragen an den richtigen Stellen und das Aufdecken von Argumentationsmustern durchaus Wirkung zeigen können. Wir bemühen uns, möglichst einfache Sprache zu verwenden (unter Umständen auch „Flüchtlinge“ statt „Geflüchtete“, obwohl wir uns hier schon mal ausführlichere Gedanken dazu gemacht haben) und oft zu betonen, dass es keine richtigen und falschen Meinungen gibt und alles gesagt werden kann.

Verfasst von Lea und Tanja

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