26.11. – 4.12. Hilfsaktion in Idomeni

Nach unserer Entscheidung, die Menschen auf der Balkanroute zu unterstützen, versuchten wir herauszufinden in welchem Transitcamp unsere Hilfe gerade am meisten gebraucht werden könnte. Beim täglichen Checken von Nachrichten und den Updates der Freiwilligen vor Ort wurde schnell klar, dass in Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze mit dem Abriegeln der Grenze für alle Menschen, die nicht aus Irak, Afghanistan oder Syrien kommen, ein neuer Brennpunkt entstehen würde. Über Facebook knüpften wir Kontakte um die Lage einzuschätzen.

Bei unserer Hinfahrt machten wir einen kurzen Abstecher nach Szeged in Ungarn, wo sich eine alte Schule voll mit Tausenden von Hilfsgütern befindet, die aufgrund von Verschärfungen des Zollrechts z.B. für Second-Hand-Kleidung nicht über die serbische Grenze kommen. Die Turnhalle, in der bis unter die Decke Klamotten lagern, gab uns bereits eine kleine Vorwarnung der Größenordnungen, die uns in Idomeni erwarten würden. Aufgrund der neuen Zollbestimmungen konnten wir auch nur einen kleinen Teil in unserem VW-Bus mitnehmen und zum Beispiel leider gar keine Schuhe, die vor Ort dringend gebraucht würden.

Als wir ankamen, waren wir erstmal geschockt davon, in welchen katastrophalen Zuständen die Menschen dort schon seit einigen Tagen leben müssen. Nämlich zwischen den Bahngleisen, ohne wetterfesten Schlafplatz oder Decken, Schlafsäcke oder anderen Klamotten, als denen die am Körper getragen werden. Meistens kamen 20 bis 30 oder mehr volle Reisebusse von den Küsten in der Abenddämmerung an, sodass die Menschen die erste Nacht ohnehin draußen schlafen. Viele schlafen tagelang auf ihren Knien an einem Feuer, in dem meistens Müll verbrannt wird, um sich ein wenig warm zu halten.

Viele haben uns erzählt, dass sie gar nicht schlafen, aus Angst bestohlen zu werden. Für eine warme Mahlzeit (oder auch nur für eine Schüssel kalten Reis ohne Soße) muss man sich in eine Reihe mit mehreren hundert anderen Menschen anstellen, weshalb es nicht selten passiert, dass kurz bevor man an der Reihe wäre, das Essen leider schon leer ist.
Besonders ans Herz gingen uns Bilder von (Klein-)Kindern, die zwischen dem Müll spielten, als wäre es das Normalste auf der Welt, natürlich auch die ganz persönlichen Fluchtgeschichten, die manchmal ganz emotional mit uns geteilt wurden, und auch ständig wieder Menschen zu treffen, die barfuß nur in FlipFlops waren, während wir mit drei Paar Socken schon manchmal abends gefroren haben.

Wir bekamen eine kleine Führung von einem Freiwilligen, der wahrscheinlich ganz froh darüber war mal für ein paar Minuten etwas anderes zu machen. Er führte uns auch in das sogenannte Protestcamp, in dem hauptsächlich Iraner direkt an der Grenze schlafen, das heißt das Zelt am Stacheldrahtzaun befestigt, damit es nicht beim Sturm wegweht. Dort waren auch die Männer, die einige Tage im Hungerstreik waren und sich dazu auch die Lippen zugenäht hatten. Als wir ankamen, hatte sich der stumme Protest allerdings schon in einen lautstarken, aber dennoch sehr friedlichen Protest entwickelt (man kann wirklich sehr friedlich sagen „da die Menge meistens ausschließlich „Please open, please, please!“ rief). Trotzdem ist die Stimmung direkt an der Grenze selbstverständlich angespannt, verzweifelt, absolut aussichtslos, da täglich hunderte Menschen aus dem Irak, Syrien und Afghanistan den richtigen Pass vorzeigen und ein paar hundert Meter zum nächsten Transitcamp in Mazedonien laufen können, dessen Lichter man sogar von Idomeni aus hinter dem Stacheldraht gut sehen kann. Auch wenn wir am Anfang nicht ganz wussten, wie wir mit den Sicherheitswarnungen von den offiziellen Organisationen umgehen sollten, haben wir recht schnell gemerkt, dass wir uns völlig sicher fühlen können, wenn wir uns nach ganz normalem Menschenverstand verhalten haben (z.B. nicht direkt in eine Rangelei in der Essensschlange laufen, weil jemand gedrängelt hat).

Beim ersten Rundgang versuchten wir auch, irgendeine Art von Struktur oder Organisation durch die unterschiedlichen NGOs vor Ort zu erkennen, allerdings gibt es keine. Eigentlich kommen sehr viele unterschiedliche Leute zum Camp, versuchen so zu helfen wie sie es sich vorstellen, aber es gibt keinerlei Infrastruktur. Erst nach ein paar Tagen nachdem wir ankamen, hat sich eine Gruppe gefunden, die den Menschen, die von der Bussen quasi direkt auf die Straße gesetzt werden, erste Infos und eine kleine Orientierung gibt. Es gab ein paar große Zelte, einen Waschcontainer mit Trinkwasser und Dixis, die von „Medicins sans frontiers/ Ärzte ohne Grenzen“ aufgestellt wurden, allerdings waren die nur im vordersten Teil des Camps, das sich mit der Zeit und mit der wachsenden Anzahl an Menschen, die nicht durch die Grenze kommen, über mehrere hundert Meter ausgedehnt hat. So mussten/konnten wir allerdings auch mit niemanden absprechen, was wir vorhaben oder wie wir am effektivsten helfen könnten.

Am ersten Tag versuchten wir also, uns mit den anderen unabhängigen Freiwilligen zu koordinieren, aber eigentlich fehlte es sowohl an warmen Schlafplätzen als auch an ausreichend Essen für alle. Da es allerdings neben der offiziellen Essensausgabe durch UNHCR bereits zwei weitere Tee-/Suppenküchen gab, die von unabhängigen Freiwilligen organisiert wurden, jedoch auch den Bedarf an Nahrung nicht decken konnten, haben wir uns dafür entschieden, für möglichst viele Menschen einen Schlafplatz zu schaffen.

Mit einigen Spenden im Gepäck – ein großartiger Beitrag von gut 3.000 Euro kam durch Rundmails an Freunde und Verwandte sowie durch die Stiftung Pfadfinden beisammen – besorgten wir im Baumarkt in Thessaloniki Dachlatten, Plastikplanen und Steckdosenleisten in großen Mengen, einen kleinen Stromgenerator und zusätzliches Werkzeug zu dem, das wir bereits aus Deutschland mitgebracht hatten. Sowohl der Filialleiter als auch einige andere Mitarbeitende haben mitbekommen was wir mit den
Einkäufen anstellen wollen und darum alles in Bewegung gesetzt, um uns mit ausreichend Material und Preisnachlässen zu unterstützen.

Die Zeltkonstruktion, die wir uns in der Nacht zuvor überlegt hatten, wurde beim Bau des ersten und zweiten Zeltes noch ein wenig angepasst, aber das Bauen hat prima funktioniert, vor allem weil wir sehr viel Hilfe von Flüchtenden hatten. Meistens haben wir das Holzgerüst vorgebaut und spätestens dann hatte sich eine Gruppe von circa 10 bis 20 Personen gefunden, die gemeinsam in das Zelt einziehen würde und meistens seit Tagen oder Wochen draußen unter freiem Himmel ohne Decken oder Schlafsäcke geschlafen hat. Beim Aufstellen der Zelte und Tackern der Planen hatten wir somit tatkräftige Hilfe, die wir auch im Kampf gegen den starken Wind, der uns manchmal fast von unserer Bauwiese geweht hätte, gut gebraucht haben. Aber auch sonst wurde uns eigentlich stets Hilfe angeboten, oft von beispielsweise Tischlern, Schreinern, oder Bauingenieuren.

Beim Entwerfen der Zelte war uns besonders wichtig, dass sie nicht nur wetterfest und mobil sind (da es immer mal wieder vorkommen kann, dass die Polizei Teile des Camps zu räumen versucht), sondern auch nachhaltig, sodass nach dem „Auszug“ einer Gruppe, die vielleicht auf anderen Wegen versucht, die Grenze zu überqueren, die Zelte einfach neu bewohnt werden können und nicht, wie die meisten Plastik-Campingzelte nach etwas Wind oder Tohuwabohu kaputt gehen und dann im Dreck landen.

Bereits nach dem ersten Tag wurden wir zunehmend zu Ansprechpersonen für Geflüchtete ohne Schlafmöglichkeiten aber auch für die offiziellen Organisationen wie UNHCR, Save The Children oder Ärzte Ohne Grenzen, die davon gehört haben, dass wir Zelte bauen und uns dann direkt Gruppen, die sie als besonders bedürftig einschätzten, vermittelt haben. So konnten wir auch gerade abends, wenn unendlich viele Busse ankommen und die Menschen quasi auf die Straße vor dem Camp ohne alles aussetzen, Familien oder große Gruppen direkt unterbringen und so den ersten Schock etwas abfangen.
Insgesamt haben wir 14 Zelte gebaut, in die ganz unterschiedliche Gruppen „eingezogen“ sind, mal 20 einzeln reisende Männer aus Bangladesch oder zwei Familien mit vielen Kindern aus Pakistan, die sich dadurch erst kennen lernten oder eine Großfamilie aus dem Jemen, mit denen wir sogar ein rollstuhlgerechtes Zelt gebaut haben. Die persönliche Betreuung der Bewohnenden unserer Zelte war uns dabei besonders wichtig und hat uns neben intensiven Bekanntschaften und ergreifenden Erfahrungen einiges zurückgegeben.

Als wir ein zweites Mal nach Thessaloniki zum Einkaufen fuhren, haben wir zusätzliches Baumaterial für Zelte gekauft, aber mit finanzieller Unterstützung von einer anderen BdP-Pfadfinder- Gruppe, die wir zufälligerweise erst vor Ort kennengelernt haben, konnten wir noch 13 Heizöfen mit Gasflaschen kaufen. Da kam unser VW-Bus definitiv ans Limit, da jedes freie Eckchen mit Pappkartons aus dem Altpapiercontainer aufgefüllt war, die als einzig mögliche Isolation gegen die Kälte aus dem Boden genutzt wurden.

Vor dem stillgelegten Bahnhofsgelände stehen viele leere Eisenbahnwaggons, die bereits von einer anderen Gruppe Freiwilliger vor uns aufgebrochen wurden und den Flüchtenden Schutz vor Regen und Wind bieten, allerdings war es darin kälter als auf der Wiese am Lagerfeuer zu schlafen. Deshalb versuchten wir große Gruppen von meist 20 Personen oder mehr zu finden, zumeist einer Nationalität um Konflikten vorzubeugen, die entweder bereits in einem Waggon gewohnt haben oder nichts anderes hatten und deshalb bereit waren, in einen Waggon gemeinsam einzuziehen und erklärten auf jeder Sprache, die wir mehr oder weniger konnten, wie die Gasflaschen funktionieren und wie sie am besten die Öfen nutzen.
Nach einiger Vermittlungsarbeit schafften wir es, 12 Waggons zu beheizen, in denen die Menschen zumindest erst einmal Schutz finden können. Aus restlichem Baumaterial bauten wir einen kleinen Unterstand für den Stromgenerator, an den wir auch die Steckerleisten anbrachten. Für die Flüchtenden ist es sehr wichtig, eine Möglichkeit zu haben, ihre Handys aufzuladen, unter Anderem auch um eventuell der zurückgebliebenen Familie Bescheid sagen zu können, dass sie die Überfahrt übers Mittelmeer überlebt haben, aber auch um andere Flüchtende über die Routen aufzuklären.

Mittlerweile sind einige Menschen aufgrund der aussichtslosen Situation zurück nach Athen gefahren, wo die Abschiebung auf sie wartet. Es harren aber noch ca. 2500 Menschen an der Grenze auf und bestehen darauf, weiterreisen zu dürfen. Einige sind aus Athen wieder zurück nach Idomeni gekommen, weil die Situation dort noch schlechter war. Die Güterwaggons sind abgefahren, dementsprechend viele Schlafplätze fehlen (zusätzlich zu denen, die gar nicht vorhanden waren). Aus humanitärer Sicht hat sich die Situation minimal verbessert seit etwas mehr Ärzte und Teams von Volunteers vor Ort sind. Nach wie vor frieren die Flüchtenden aber nachts, es fehlt an Zelten, Decken, Essen und Perspektive.

Weitere Bilder könnt ihr euch unter
https://www.dropbox.com/sh/zm0h3u3u9d9ncej/AABVO0EQ_geLy5lnpPnkLrACa?dl=0

ansehen. Ebenso gibt es unter dem folgenden Link auch noch kurze Nachrichten während der Zeit in Idomeni nach Hause.

Nachrichten Idomeni

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