Die Räumung von Idomeni

Knapp zwei Wochen sind vergangen seit das Flüchtendenlager bei Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze geräumt wurde. Zu dem Zeitpunkt lebten dort über 9.000 Menschen, größtenteils Familien mit kleinen Kindern, die sich dort gezwungenermaßen so gut es ging eingerichtet haben. Geflohen von der zerstörten Heimat, oft noch gezeichnet von den Kämpfen und jetzt gestrandet vor einem schwer bewachten Stacheldrahtzaun, hat sich in diesen Monaten des Stillstands eine unglaubliche Eigendynamik entwickelt. Freiwillige und Flüchtende haben zusammen gearbeitet, um den Aufenthalt in Idomeni so angenehm wie möglich zu machen. Anstatt dass die Freiwilligen für die Menschen gekocht haben, wurden oft nur noch Essenspakete ausgegeben, und die Menschen haben auf ihren eigenen Feuerstellen selber gekocht. Nicht selten saß man als Freiwilliger beim Abendessen mit der syrischen Familie mit dabei.

Es gab schon oft feste Daten, an denen die Räumung stattfinden sollte, doch an denen nie etwas passiert ist. Am 26. Mai war es dann tatsächlich soweit. Schon in der vorangegangenen Woche war es sehr schwer, als unabhängiger Freiwilliger ins Camp zu kommen. Nur noch die großen NGOs durften rein, obwohl ein Großteil der Versorgung über unabhängige Freiwilligenstrukuren liefen. Die meisten haben sich über Felder an der Polizei vorbei ins Camp geschlichen. Viele Busse standen im Camp bereit, die die Menschen in die Militärcamps brachten. Die meisten bekannten Militärcamps sind schon ziemlich voll, deswegen war anfangs nicht klar, wohin die Leute gebracht wurden. Freiwillige verfolgten die Busse und stellten fest, dass die neuen Camps absolut unwürdige Bedingungen hatten. Zusammengepfercht in einer Industriehalle, zu wenig und schlechte sanitäre Anlagen, schlechtes und zu wenig Essen. Hinzu kam, dass es nicht genug Plätze für Alle gab.

Am Ende des ersten Tages war ein Großteil der kleinen Zeltstadt leer. Die Menschen hatten keine Lust mehr auf Kämpfe. Erst vor Kurzem gab es Tränengaseinsätze im Camp. Als die Menschen in die Busse stiegen, wurde ihnen versprochen, dass sie in offizielle Camps kommen mit guten Bedingungen und besseren Möglichkeiten auf Asyl. Da es nicht genug Plätze gab, mussten die Menschen zum Teil vor den Camps draußen schlafen. Über die Hälfte der 9.000 Menschen sind in keinem der offiziellen Camps angekommen. Einige versuchten ihr Glück erneut und flohen auf mazedonisches Gebiet, der Rest hat sich in die umliegenden Wälder zurückgezogen oder ist in eines der nahegelegenen inoffiziellen Camps „umgezogen“. Die beiden besiedelten Tankstellen, an denen bisher etwa 2-3.000 Menschen lebten, wurden bisher noch nicht geräumt.

In den Militärcamps sind die Menschen nun nicht mehr im Auge der Öffentllichkeit. Das „größte Refugee Camp Europas“, Idomeni, gibt es nicht mehr. Aber das stimmt nicht. Idomeni wurde nur „zersplittert“. Die Menschen gibt es noch und es geht ihnen nun eher schlechter als vorher, doch es wurde erreicht, dass darüber nun keiner mehr berichtet.

Freiwillige, die sich während der Räumung in Zelte von Flüchtenden versteckt hatten, haben berichtet, dass die ganze Nacht laute Techno Musik gespielt wurde um die Menschen am Schlafen zu hindern. Außerdem wurden die sanitären Anlagen nicht mehr sauber gemacht und der Müll nicht abgeholt.

Es waren 10 Tage für die Räumung von Idomeni geplant, nach drei Tagen war das Camp komplett leer. Am dritten Tag fuhren leere Busse wieder raus aus dem Camp.

Schon einmal waren die Voluntiere Anfang Dezember in Idomeni und eine Woche später wurde das Camp geräumt. Damals waren es viel weniger Leute, die eine kürzere Zeit dort lebten. Doch auch damals fiel es uns schwer mit anzusehen, wie die Menschen, mit denen wir auf einer Augenhöhe zusammen gearbeitet haben, in Busse getrieben werden und keiner über ihr weiteres Schicksal Bescheid weiß.

Dieses Mal haben wir eine sehr viel intensivere Verbindung zu Idomeni und den Menschen, die dort lebten, aufgebaut. Wir haben das gleiche gegessen wie sie, das gleiche Wasser getrunken, genau wie sie auf den Reinigungswagen gewartet, damit die Dixies wenigstens noch einigermaßen erträglich waren. Wir haben auf dem gleichen Boden geschlafen, nachts wie sie gefroren und am Tag mit ihnen geschwitzt. Wir haben unter Gerüchten gelitten und unsere Hoffnung vertrocknen lassen. Nichts davon bedeutet, dass wir ihre Situation nachempfinden, nacherleben können. Wie weit muss es gekommen sein, wenn jemand sagt, sie würde lieber zu Hause im Bombenhagel sterben als einen Monat länger hier zu leben?

Und jetzt? Verfrachtet in Regierungscamps. Geht es ihnen jetzt besser? Manchen ja. Den meisten aber….Man hört von ersten Selbsmorden; davon, dass viele mit den Schmugglern gehen, obwohl sie wissen, dass dabei immer wieder Menschen verschwinden.

verfasst von Anika und Henry

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