Am Montag startete der erste volle Tag mit kompletter Meute. Zwei Stunden später als erwartet kam endlich der erste 30-Tonnen-Lastwagen, welcher zugegebenermaßen größer als erwartet war. Um ca. 12:00 Uhr waren dann alle bestellten Baumaschinen und der gesamte Schotter (120 Tonnen!) vor Ort. Bis zum Mittagessen um 13:30 Uhr im Warehouse wurde dann einiges gearbeitet: Die Sträucher und Bäume mit der Kettensäge entfernt und die ersten 50 Meter Boden eben gemacht. Nach dem Mittagessen mit allen Freiwillen aus unserer Gruppe fuhr das „Strassenteam“ zur Baustelle zurück.

Dort erwartete uns eine böse Überraschung. Drei Polizeibusse mit etwa 15 Beamt*innen erwarteten uns, diese scheuchten uns ruppig aus dem Bus und durchsuchten uns und das Auto gründlich. Uns wurde nicht erzählt was los ist und wir mussten uns in einer Reihe an einem Bauzaun aufstellen, während wir keine Handys benutzen, geschweige denn die kalten Hände in die Jackentasche stecken durften. Ein Gefühl des Ausgeliefertseins und Hilflosigkeit überkam uns, wir konnten nicht erahnen, was die schwer gepanzerten und aggressiv auftretenden Polizist*innen mit uns vorhatten.

Gleichzeitig wurden Witze über uns gerissen. Unsere Personalien wurden aufgenommen und nach ewigem Einreden auf die Polizei wurde uns gestattet, Pierre von ACTED (welcher uns den Auftrag mit der Strasse übergeben hatte) anzurufen. Dieser war 5 Minuten später vor Ort, konnte jedoch nicht in erhofftem Maße vermitteln. Trotzdem löste sich das massive Polizeiangebot langsam auf und wir erfuhren von Pierre, dass wir beschuldigt werden, Wurfgeschosse und Waffen (der Schotter für die Strasse) für Aufstände der Flüchtenden besorgt zu haben.

Da im Camp schon Strassen mit Schotter gebaut wurden und ACTED nie Probleme beim Bau bekommen hatte, verwunderte uns die Anschuldigung schon sehr. Wir fassten den Entschluss, mit dem Bau der Straße fortzufahren und uns von dieser mutwilligen Polizeiaktion nicht einschüchtern zu lassen. Zu unserer Freude bekamen wir tatkräftige Unterstützung von Menschen aus Pakistan, welche neben der zukünftigen Strasse wohnen.

Mit insgesamt ca. 25 Frau und Mann und aggregatbetriebenen Bauleuchten ging es mit dem Projekt bis in die Dunkelheit doch erstaunlich schnell voran, sodass die ersten Meter der Strasse schon befahrbar sind. Martin, Lea und Fabio beschlossen gegen 19:00 Uhr und nach getaner Arbeit im Jungle ins Schwimmbad zu gehen, um zu duschen. Diesmal mit den erforderlichen Papieren (einem Nachweis, dass wir in Europa Steuern zahlen). Am Schwimmbad erwarteten wir voller Vorfreude die Dusche nach vielen Tagen harter Arbeit. Leider sollte es nicht so kommen. Die verantwortlichen Kassierer*innen im Schwimmbad verwehrten uns wieder, aus welchen Gründen auch immer, den Eintritt. Wir waren den Umständen entsprechend aufgebracht und beschwerten uns. Einigen Besuchern des Schwimmbads, welche gegen Ende der Diskussion aus dem Bad kamen, versuchten wir die Situation zu erklären. Schließlich wollten wir nur eine Dusche in einem öffentlichen Schwimmbad. Wir hatten Geld, Pässe und Belege, dass wir Steuern bezahlen und trotzdem wurde uns der Zutritt verwehrt. Als die Situation den fünf Besuchern des Bads erklärt wurde, bezeichneten diese uns als „grosse merde“ (großes Stück Scheisse) und rieten uns auf sarkastische Weise, doch im Fluss zu baden, falls wir uns waschen wollten. Aus der bloßen Zahl von knappen 50%, welche die Front National in Calais wählen, wurde schlagartig bittere Realität. Wir wurden von „besorgten Bürgern“ gewaltsam aus dem Schwimmbad geschmissen und unsere Badetaschen wurden uns weggenommen und schließlich hinterhergeworfen. Wir leisteten selbstverständlich keine Gegenwehr, obwohl wir auf den Boden geschleudert wurden. Es dauerte seine Zeit, bis das gerade Erlebte einsortiert und die Wut beschwichtigt werden konnte. Doch die Verständnislosigkeit bleibt.

Vor allem die staatliche bzw. kommunale und nach den heutigen Erfahrungen zum Teil auch die zivile Seite Calais hat bis jetzt alles andere als einen guten Eindruck bei uns hinterlassen. Während all dies geschah, stellte die Gruppe der Regalbauer im Warehouse das zweite Regal erfolgreich fertig. Nach dem zweiten Regal, wurde promt ein Drittes in Angriff genommen, welches voraussichtlich Dienstag Mittag fertig gestellt wird.

Die dritte Gruppe war damit beschäftigt im Jungle den Boden für eine Schule zu bauen. Leider wurde aus dem Projekt, eine Impfstation zu bauen doch nichts. Stattdessen soll nun eine Moschee gebaut werden, wurde uns von verantwortlicher Stelle mittgeteilt. Wer genau dahinter steht, wo und wie diese gebaut werden soll, wird uns voraussichtlich morgen erklärt. Wir ihr vielleicht an den Berichten erkennt, gibt es hier oft ein hin und her, was mit den schwierigen Umständen und den vielen unabhängigen Organisationen und HelferInnen verbunden ist. Wir haben uns aber mittlerweile darauf eingestellt, möglichst flexibel zu agieren, immer einige  Projekte im Hinterkopf zu haben und dort auszuhelfen wo wirklich Unterstützung benötigt wird. Alles in allem war es ein sehr ereignisreicher Tag und alle freuen sich auf das Bett, um über das Erlebte eine Nacht schlafen zu können.

Verfasst von Fabio


2 Kommentare

Britta Müller · 29. Dezember 2015 um 19:15

Hallo liebe Lea und Freund*innen, euer neuester Bericht macht mich richtig wütend, auf die Polizist*innen und die Leute im Schwimmbad. Ihr macht jetzt ganz schön krasse Erfahrungen! Aber was ihr macht ist gut und richtig und mutig!Es gibt eben auf dieser Welt auch einige Vollidioten und dort wo ihr jetzt seid sind sie wohl massiv vertreten. Gibt es eigentlich keine Presse vor Ort, die über dieses Verhalten von seiten der Polizei und der „Bürger“ berichtet? Haltet durch, ihr macht es richtig! LG von Britta

Angela Vardopoulos · 30. Dezember 2015 um 14:16

Ihr lieben Helfer in Calais, ich bin erschüttert und tief gerührt, daüber was ihr auf euch nehmt. Dort draussen in der Kälte unter widrigsten Bedingungen Menschen zu helfen, die ohne Eure Hilfe wirklich verloren wären. Während wir im Warmen auf dem Sofa sitzen, unser Wohlwollen zu den Flüchtlingen bekunden, aber vom „everydays business“ so platt sind, dass ein weiteres Engagement nicht möglich scheint. Aber ihr macht und packt an. Davor habe ich wirklich Respekt. Ich danke euch, nicht zuletzt für eure Besonnenheit gegenüber denen, die euch das Leben noch schwerer machen.

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