Neues aus den Camps in Nordfrankreich

Anika und Malte berichten über ihre Fahrt nach Grande-Synthe/Dünkirchen & Calais vom 14.10. – 18.10.2016:

Mehrere Male waren wir mit Rigardu nun schon in Calais und Umgebung, wo momentan über 10.000 Menschen auf der Flucht in menschenunwürdigen Bedingungen leben. Als wir von der angekündigten Räumung für den 17. Oktober gehört hatten, entschieden wir, den VW-Bus vollzupacken und ein paar dringend benötigten Sachspenden von Hildesheim runter nach Dünkirchen zu bringen. Zwei Tage vor Abfahrt verbreiteten wir einen Sachspendenaufruf per Mail und sozialer Netzwerke. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich ein riesiger Haufen mit Decken, Schlafsäcken, Jacken, Pullis und Schuhen angesammelt. Sogar der lokale Radiosender und die örtliche Zeitung wurden auf uns aufmerksam, sodass wir noch ein schnelles Radiointerview am Telefon machten und es einen Fototermin und einen Artikel in der Zeitung gab. Was bei dem Zeitungsartikel trotz mehrfacher Hinweise auf korrekte Sprache und Inhalt herauskam, war jedoch wieder mal erschreckend und reiht sich ein in eine Reihe schlechter Artikel zu diesem Thema. Dennoch wurde zumindest Rigardu erwähnt und auf lokale Spendenmöglichkeiten verwiesen.

Mit den vielen Spendenangeboten aus Hildesheim hätten wir locker zwei Bus-Ladungen voll bekommen. Bei der Hinfahrt sind wir noch in Göttingen vorbeigefahren, wo Freunde eine Soliparty für uns veranstaltet hatten und wo noch Sachspenden und finanzielle Unterstützung auf uns warteten. Ein großer Dank an die Bühl-WG in Göttingen an dieser Stelle!

Zur Lage vor Ort:

Die Räumung des großen „Jungle“ für den 17. Oktober wurde durch eine Klage von mehreren Hilfsorganisationen verschoben. Grund dafür waren die 1.022 unbegleiteten Minderjährigen auf der Flucht, bei denen nicht klar war, was mit ihnen passieren würde. Diese sollen nun registriert werden, damit danach die Räumung stattfinden kann. Ab dem 15.10. wurden alle Räumfahrzeuge der Region von der Polizei angemietet und bei unserer Ankunft standen schon Wasserwerfer und Räumfahrzeuge bereit.

Es sollen im Zuge der geplanten Räumung des großen Dschungels von Calais Armbinden im kleinen Camp in Grande-Synthe eingeführt werden, die, wie wir vermuten, verhindern sollen, dass weitere Menschen in Massen in das kleine Camp kommen. Möglicherweise dienen sie aber auch den Bemühungen der Regierung, die Menschen zu registrieren. Es finden vermehrt Polizeikontrollen der Freiwilligen statt.

Vor Ort sind wir zu einem kleineren Camp in Grand-Synthe gefahren, in dem wir noch Leute kannten. Im März hatten wir beim Umzug vom kleinen Dschungel, in dem katastrophale Zustände herrschten, in das jetzige Camp, das anfangs von einem Festivalveranstaltungsverein aufgebaut worden war, geholfen. Dort hatten wir die Küche mit aufgebaut, die nur anfangs der Versorgung dienen sollte. Mittlerweile ist die „Kesha Niya Kitchen“ (Kurdisch für Kein Problem) die einzige Ausgabestelle für Mahlzeiten für die 700 – 1.000 Menschen vor Ort. Alle anderen Organisationen wie Utopia und Ärzte ohne Grenzen sind nicht mehr im Camp. Der Aufgabenbereich von „Kesha Niya“ hat sich mittlerweile erweitert. Neben der Essensversorgung des Camps dreimal am Tag wird das Welcome- und das Women’s Center mit Kleiderspenden beliefert, es gibt Free Shops, in denen man kostenlos Essen zum Kochen bekommt, sowie eine kleine Werkstatt. Viel Unterstützung läuft über persönliche Beziehungen zu den Menschen. Die „Kesha Niya Kitchen“ besteht aus einer Gruppe kurdischer Jungs, die zusammen geflohen sind und europäischer Freiwilliger, die sich anarchistisch organisieren. Wie wir auch in Idomeni schon mitbekommen haben, schafft es eine anarchistisch organisierte Gruppe, mehrere Tausend Menschen zu versorgen und dadurch Aufgaben zu übernehmen, bei denen der Staat und andere große Organisationen versagen.

Neben dem Camp in Grande-Synthe und dem Dschungel von Calais soll es mehrere „Wild-Camps“ geben, die schätzungsweise aus Gruppen von unter hundert Menschen bestehen und die von der Mafia „versorgt“ werden. Diese haben kein Interesse daran, dass wir dort kostenlose Hilfsstrukturen errichten, da sie das Geschäft mit dem Elend verhindern würden oder auch, weil es die Wahrscheinlichkeit erhöht, die Aufmerksamkeit der Polizei auf diese geheimen Camps zu lenken.

Freitag früh kamen wir im Camp von Grande-Synthe an und haben erst mal unser Auto in den kleinen Lagerraum ausgeladen. Nachdem wir uns einen groben Überblick verschafft hatten, sind wir zum großen Zentrallager von L’auberge des Migrants gefahren, in dem wir auch schon im Dezember aktiv geholfen haben. Das Lager ist mittlerweile noch mal um einiges gewachsen, aber es war schön zu sehen, dass unsere Palettenregale von damals immer noch in Benutzung sind. Dort haben wir Essen für die Küche und Schlafsäcke für Grande-Synthe eingeladen. Auf dem Rückweg sind wir kurz beim großen Dschungel vorbeigefahren, um uns einen Überblick über die Polizeipräsenz zu verschaffen und Fotos davon zu machen. Dort standen neben den Wasserwerfern auch stark gerüstete Polizisten mit Maschinengewehren und Granatwerfern bereit.

Da der Lagerraum bei der „Kesha Niya Kitchen“, in den wir auch unsere Spenden gebracht haben, bisher nur ein dreckiger Raum mit einem großen, unsortierten Haufen aus Gasflaschen, Kleiderspenden und Werkzeug war, entschieden wir, dort eine Struktur aufzubauen. Den Samstag und den Sonntag verbrachten wir also komplett damit, den Raum auszuräumen, zu säubern und ein dreistöckiges Regal aus Paletten und Holzresten reinzuwerkeln. Es gab viele Holzreste von alten Hütten, die die Polizei erst kürzlich zerstört hatte. Durch das große Regal konnte wesentlich mehr Platz in dem kleinen Raum geschaffen und langfristig viel Zeit gespart werden, die sonst beim unnötigen Herumgesuche verschwendet worden wäre.

Auf dem Gelände vom Camp in Grande-Synthe haben wir auch beim Verteilen von Sachspenden an die einzelnen Hütten geholfen, indem wir sie aus dem Bus heraus verteilt haben, ohne den Anschein zu erwecken und dadurch eine Menschenansammlung zu provozieren. Das System funktioniert so, dass bei Bedarf die Menschen aus den durchnummerierten kleinen Holzhütten ihre Wünsche äußern und in den Distributioncentern geschaut wird, ob der Bedarf wirklich existiert. Dann werden am Abend die bestellten Sachen zu den Hütten gefahren. So bleiben das Vorräte-Schaffen und eine Menschenansammlungen weitestgehend aus.

Es gibt momentan noch über 300 Hütten, die jeweils von 1-4 Menschen bewohnt werden. Wenn eine Hütte mehr als einen Tag leer steht, sorgt eine staatliche Organisation vor Ort dafür, dass diese abgebaut wird, da man davon ausgeht, dass die Personen ausgezogen sind. Es gab schon öfter Fälle, in denen Personen nach einem Fluchtversuch im Landesinneren von der Polizei ausgesetzt worden sind und ein, zwei Tage später bei der Rückkehr in das Camp ihre Hütte abgerissen vorfanden.

Am Ende des schlauchähnlichen Geländes, welches makabererweise zwischen Bahngleisen und Autobahn liegt, wird nun ein Zaun gebaut. Eigentlich sind an beiden Enden Schranken mit kleinen Security-Wachhäuschen. Die Polizeipräsenz hat sich jedoch in dem Zeitraum, in dem wir da waren, merklich verstärkt, sodass sogar am Hinterausgang teilweise zehn CRS-Polizisten stationiert waren und Freiwillige nach Waffen und Drogen durchsucht haben. Auch wurde offenbar eine Liste darüber geführt, wer wann aus dem Camp rein und raus gegangen ist.

Am letzten Tag haben wir für eine geplante Aktion in Griechenland noch übriggebliebenes Küchengerät, wie einen großen Kochtopf und Geschirr, eingeladen, das in der Kesha Niya Küche entbehrlich war. Auch konnten wir noch Kontakte mit anderen Freiwilligen austauschen.

Dafür, dass wir nur eine kleine Spendentour geplant hatten, konnten wir weitaus mehr erreichen und haben neben der Bau- und Verteilungsaktion auch Küchenspenden, sowie weitere Eindrücke gesammelt und Bekanntschaften geknüpft.

Folgt, wenn möglich, der Kesha Niya Kitchen unter deren Facebookpräsenz oder besser durch Spenden und aktiver Beteiligung vor Ort. Informationen und Spendenkonto direkt über Malte (maltestuhr@posteo.de).

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