Dienstag, 29.12.2015

Auch heute sind wir in drei Gruppen in den Tag gestartet. Die Gruppe, die sich dem Regalbau gewidmet hat, hat diesen fortgesetzt und fertiggestellt. Das Regal wird im Warehouse dringend benötigt, da täglich sehr viele Sachspenden ankommen, die sortiert und verstaut werden müssen, damit sie später zielgerichtet verteilt werden können. Die Koordinator*innen im Warehouse sind daher sehr dankbar für unsere Arbeit hier. Das fertige Regal hat eine Grundfläche von 10 x 3 Metern und ist 4 Meter hoch – außerdem verfügt es über eine Galionsfigur… 😉

Eine weitere Gruppe beschäftigte sich mit dem anstehenden Bau einer Moschee: die Kurdische Gemeinschaft im Jungle war auf die Werstatt zugekommen, da sie den Wunsch hegt, eine Moschee im Kurdischen Viertel zu haben, wofür sie Material und Werkzeug benötigt. So gab es zuerst ein Treffen mit Harje von der Kurdischen Community, bei dem eine Ortsbesichtigung und erste Konstruktionsideen ausgetauscht wurden. Die Moschee soll ca. 20 Personen fassen und 6 x 8 Meter messen. Der angedachte Ort liegt günstig: direkt nebenan ist das Projekt von Marco, einem Geflüchteten aus Nigeria, dort gibt es eine Schule, eine Krankenstation und einen Spielplatz. Auch wurden wir bei dem Gespräch gefragt, ob es für uns als Nichtmuslime überhaupt in Ordnung sei, bei einem Moscheebau zu helfen. Im weiteren Tagesverlauf wurde zusammen mit den Kurd*innen und einem (verrückten) Schotten zusammen der Platz vorbereitet, in erster Linie von Grünzeug und Müll befreit.

Auch die Gruppe, die sich mit dem Straßenbau beschäftigte, ist mit voller Energie in den Tag gestartet. Am Vormittag konnten etliche Meter für den Kies vorbereitet, sowie ein ordentliches Stück geschottert werden – ca. 20 Meter der Straße sind komplett fertig. Die Ernüchterung kam gegen Mittag mit mehreren Polizeiautos. Zusammen mit der Polizei kam die Direktorin von „La vie acitve“, keine NGO in diesem Sinn, sondern eine Organisation die im Auftrag des Staates in unmittelbarer Nachbarschaft zu unserer Straße einige Wohncontainer aufstellt. Bereits gestern hatten wir ein längeres Gespräch mit einem Vertreter von „La vie active“ sowie der Polizei. Leider wusste niemand der Anwesenden etwas von diesem Gespräch und unsere Bitte, sich zuerst intern, also bei den Kollegen von gestern, zu informieren stieß auf taube Ohren. Unsere Erklärungen leider ebenfalls. Uns wurde mitgeteilt, dass das Abladen des Kies sowie der Straßenbau illegal seien. Wie legal es ist, ca. 7000 Menschen in einem Slum ohne ausreichende Wasserversorgung, ohne ausreichende sanitäre Anlagen und ohne Abwassersystem hausen zu lassen, darüber verlor natürlich niemand ein Wort. Dass unser Straßenbau mit der Organisation (ACTED), welche für die Infrastruktur des Jungle mitverantwortlich ist (und unter permanentem Geldmangel leidet), abgesprochen war und schon mehrere Straßen auf ähnliche Weise gebaut wurden, spielte auch keine Rolle. Die Nachbarn von „La vie active“ hatten Angst, dass die Steine auf die Container geschmissen werden könnten und die Bürokratie – ein Mal in Gang gesetzt – nimmt ihren Lauf. Hier konnten auch die hinzugerufenen Mitarbeiter*innen von ACTED nichts ausrichten. Uns wurde mitgeteilt, dass die Steine entfernt und die komplette bisher gebaute Straße wieder zurückgebaut werden müsse. Fassungslos blieben wir zurück.

Später am Tag kam die Chefin von ACTED zurück mit zwei Verwaltungsmitarbeitern des Präfekteriats, das zuständig ist, um mit ihnen und uns die Sache noch mal zu besprechen. Immerhin sagten die beiden Bürokraten, dass sie den Eindruck haben, dass wir „in Ordnung“ seien und sie würden schauen, ob wir die Steine nicht an anderen Orten im Camp direkt verwenden könnten. Weiterhin würden sie mit „La vie active“ reden, ob das bereits gebaute Stück Straße nicht bestehen bleiben könne (das ganze Camp ist schließlich voll von Kieswegen…). Für uns hat sich die Situation hierdurch zwar verbessert, aber es ist doch ein sehr schwacher Trost. Die Region des Jungle, in die wir die Straße bauen wollten, wird weiterhin über keine Dixis, keine Müllentsorgung und keinen befahrbaren Rettungsweg verfügen. Die Politik versagt hier vor Ort völlig, die Menschen mit dem Nötigsten zu versorgen. Trotzdem werden mit bürokratischen Mitteln auch noch die Menschen behindert, die ehrenamtlich und spendenfinanziert versuchen, die Situation vor Ort zu verbessern.

Verfasst von Tija


2 Kommentare

Heidi · 30. Dezember 2015 um 18:02

Liebe Lea, es ist wirklich großartig, was ihr da macht!
Was mich allerdings sehr irritiert, ist der Moscheebau. Wieso? Ist dies nicht eine völlig falsche Priorität? Kann man nicht Gott unter freiem Himmel und im Gebet nahe sein? Wieso solche exklusiven Demonstrationen einer Religion?

Liebe Grüße und alles Gute weiterhin und für das neue Jahr
Heidi

voluntiere · 30. Dezember 2015 um 23:23

Hallo Heidi,
vielleicht scheint der Moscheebau in diesem Zusammenhang zunächst etwas willkürlich. Wir sehen unsere Aufgabe hier aber vor allen Dingen darin, die Menschen hier darin zu unterstützen, trotz ihrer Situation möglichst selbstbestimmt leben zu können. Es gibt neben der Moschee, die hier gebaut werden soll auch bereits Gotteshäuser anderer Religionen. Der Moscheebau wurde von den Menschen, die hier wohnen, initiiert. Wir unterstützen sie darin, weil wir um diese Unterstützung gebeten wurden, unsere sonstigen Projekte schränkt dies nicht ein. Zugegeben kann man über Religion ausgiebig diskutieren. Dass für viele Menschen ihre Religion aber eine ganz wesentliche Stütze ist, ohne die sie ihren Mut bereits verloren hätten, bemerken wir hier immer wieder.
Sicher gibt es jene Projekte, die im Bereich der akuten humanitären Hilfe angesiedelt sind und jene (wie den Moscheebau), die dazu beitragen, Menschen ihre Würde und Selbstbestimmung zurückzugeben. Wir versuchen, die Menschen hier in beiden Bereichen zu unterstützen.
Wir hoffen, dass wir unsere Mithilfe bei diesem Projekt ein wenig verständlich machen konnten.
Mit den besten Grüßen & Wünschen für’s neue Jahr,
die „voluntiere“ aus Calais

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