Ein Bericht vom 25.02.2016 aus Idomeni:

12789766_10204204459190747_592844709_oGestern Abend erreichten wir die griechische Grenze, allerdings war sie wegen der Streiks der Bauern gegen die Sparmaßnahmen der EU für einige Stunden geschlossen. Im Camp in Idomeni hat sich zu unserem letzten Aufenthalt dort vor drei Monaten einiges geändert, am stärksten wohl die Professionalität des Grenzschutzes. Der Zaun ist mittlerweile von beiden Seiten mit doppeltem Nato-Stacheldraht gesichert und etwa 10 Meter dahinter befindet sich ein zweiter, ebenso hoher, furchteinflößender Zaun. Zudem war eine auffällig hohe Polizeipräsenz vor Ort, obwohl im Camp hauptsächlich Familien mit Kindern aus Syrien und dem Irak darauf warten, weiter nach Gevgelija laufen zu dürfen, um sich dort legal registrieren zu lassen. Im Camp in Idomeni trafen wir auf den Dresden Balkan Konvoi, der mit drei Personen und einer Gulaschkanone über Nacht die Menschen, die draußen in Campingzelten schlafen müssen, mit heißem Tee versorgen.

Um Mitternacht erreichten wir das „Volunteer House“, in dem etwa 30 bis 40 unabhängige Freiwillige leben und arbeiten. Das Haus ist gemietet durch die Gruppe „Aid Delivery Mission“, ein loser Zusammenschluss einiger Freiwilliger aus der Niederlande. Mit einer sehr hohen, wechselnden Anzahl Freiwilliger aus ganz Europa werden hier im Garten jeden Tag etwa 2500 bis 5000 Portionen warme Mahlzeiten frisch gekocht. Je nach Situation werden die Mahlzeiten an Flüchtende im Camp in Idomeni und an der Tankstelle in Polykastro ausgeteilt, wo oft (wenn die Grenze mal wieder vorrübergehend geschlossen und das Camp in Idomeni restlos überfüllt ist) die Busse aus Athen einfach anhalten und die Leute dort mehrere Tage darauf warten müssen, ins Camp gelassen zu werden. Deshalb kommt es immer wieder vor, dass einige Menschengruppen die 22km zum Camp laufen, obwohl dort leider auch sofort jene Menschen „aussortiert“ werden, die keinen Pass aus Syrien oder Irak haben.

Für uns- ebenso wie für die Freiwilligen hier im Haus -gilt der Grundsatz, nicht wie die europäischen Regierungen Menschen nach einem richtigen oder falschen Pass , nach einem Recht auf Schutz vor Krieg oder nicht zu be- oder verurteilen. Deshalb richtet sich die Unterstützung durch die Freiwilligen hier besonders an diejenigen Menschen, die keinen Zugang zu den offiziellen Camps und damit der Hilfe durch MSF (Ärzte ohne Grenzen) oder UNHCR haben. Diese illegalisierten Menschen campieren in einem riesigen Bereich um die mazedonische Grenze. Völlig auf sich alleingestellt im Wald, um zu versuchen auf unterschiedliche Weise ihre Flucht Richtung Norden fortzusetzen. Diese unmenschlichen Bedingungen hier und die Bereitschaft der Menschen, das auszuhalten (unter ihnen sind auch Frauen, Schwangere, Minderjährige und Menschen mit Behinderung) zeigen erneut, wie haltlos die Diskreditierung als „Wirtschaftsflüchtlinge“ und die Kopplung des Menschenrechts auf Asyl an ein Herkunftsland ist.

Die Arbeitsgruppen der Freiwilligen hier teilen sich in Kochen, Ausgabe von Kleidung, Decken und Schlafsäcken, oder das Infoteam auf. Letztere versuchen, täglich die Informationsflut zu erfassen und den Menschen auf der Flucht aufzuzeigen, welche Möglichkeiten sie haben und mit welchen Konsequenzen diese verbunden sind. Die Spielräume sind leider aufgrund der unmenschlichen Politik stark begrenzt: je nach Nationalität bekommen die Personen, die nicht aus Syrien oder dem Irak geflüchtet sind, einen Abschiedebescheid, nach dem sie innerhalb von 30 Tagen oder 6 Monaten Griechenland verlassen müssen. Zudem werden alle, die damit nördlich von Kilkis aufgegriffen werden, festgenommen und meist in Abschiebezentren deportiert.

Die schwierigste Aufgabe des Infoteams ist es, auf dem aktuellsten Stand zu bleiben und einen Überblick über die Personen, die Hilfe brauchen, zu behalten. Denn es passiert beinahe täglich, dass Busse aus Athen oder Thessaloniki irgendwo auf der Strecke nach Idomeni an einer Tankstelle anhalten und die Menschen dort schlafen müssen oder einfach Richtung Mazedonien los laufen. Genauso ändern sich die Entscheidungen der Behörden ständig, sodass es unmöglich ist, für die nächsten Tage zu wissen, ob 500 oder 2500 Menschen satt werden müssen.
Wir sind sehr beeindruckt, wie gut die Küche funktioniert, auch wenn eine sehr hohe Fluktuation innerhalb der Freiwilligengruppe herrscht. „Leider“ sind die unabhängigen Freiwilligen hier so schnell und effektiv, dass sie innerhalb eines Tages auch ein völlig überfülltes Camp in Idomeni satt bekommen können. Deshalb haben Ärzte ohne Grenzen und UNHCR, die im Camp Sandwichs, Kekse und kalten Reis austeilen, in den letzten Tagen ihre Portionen gesenkt, weil sie sich auf die Küche der unabhängigen Freiwilligen, die frisch gekochtes warmes Essen verteilen, verlassen. Wieder einmal stehen wir vor dem Problem, dass wir keine strukturellen Lücken im Plan der Regierungen für Notsituationen füllen und den Job anderer machen wollen, diese Diskussion aber nicht auf dem Rücken der Menschen in Not austragen können und wollen.

Die nächsten Tage werden wir in die unterschiedlichen Arbeitsgruppen reinschauen, um besser verstehen zu können, wie die Dinge hier laufen und woran wir ganz konkret arbeiten können. Die Freiwilligen hier sind sehr dankbar für jede helfende Hand und machen wirklich tolle Arbeit.

Nachdem wir die Küchenabläufe kennengelernt hatten (und zentnerweise Gemüse geschnippelt hatten), fuhren wir um die Mittagszeit zur Tankstelle in Polykastro und teilten dort über 1000 Portionen Mittagessen aus. Da es die einzige Möglichkeit für die Menschen ist, dort ein warmes Essen zu bekommen (abgesehen von der Tankstelle, die Pommes mit Hackbällchen (bestimmt nicht halal) für 7,50€ verkaufen), war die Stimmung grandios. Zusätzlich zu dem guten Wetter und dem tatsächlich leckeren Essen fanden sich in der Anstehschlange glücklicherweise einige HobbyDJs, die dann Musik für die Anstehenden und für uns spielten.

Am Nachmittag und Abend wiederholte sich der „Schnippel“- und Austeil-Zyklus erneut. Das Abendessen wurde diesmal von einem Teil unserer Gruppe im Camp ausgeteilt. Die Anderen blieben im Haus, um aufzuräumen oder fahren gleich mit zu einer kleineren Tankstelle an der Autobahn nach Kilkis, um dort Essen, Schuhe und Decken an etwa 60 Menschen zu verteilen, die den Zaun eines Abschiebelagers in Thessaloniki heute Nachmittag überwunden haben und zu Fuß nach Idomeni laufen. Heute Abend werden im Haus noch einige Plena abgehalten werden, in denen die aktuelle Situation analysiert wird und nach weiteren Möglichkeiten gesucht wird, die Menschen in der Grenzregion zu unterstützen.

 

Bericht von Tanja

Kategorien: Idomeni

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