Erschlagend ist die Menge an neuen Informationen, die täglich mehrmals im volunteers house verbreitet werden. Genauso erschlagend wie die Zahlen der hilfesuchenden Menschen, die wir in der Morgenrunde aktualisieren:
Letzte Nacht wurden 7000 Menschen nur im Grenzcamp in Idomeni gezählt, weitere 1000 an der Tankstelle in Polykastro und eine unendlich große Dunkelziffer in den umliegenden Wäldern. Seit Freitag ist die Grenze drei Tage lang für alle Nationalitäten geschlossen. Das bedeutet, dass einige Flüchtenden, die oft bereits seit über einer Woche da sind, keinerlei Aussicht auf ein Vorankommen haben. Derweil kommen laufend weitere Busse an und fast noch mehr Menschen laufen in der prallen Sonne oder im Regen von Polykastro, Evzoni oder Thessaloniki oder noch weiter die Autobahn entlang 20 km bis zum Camp. Viele fliehen mit der ganzen Familien, mit Kleinkindern und deren Großeltern, denen es oftmals schwer fällt zu laufen und trotzdem kilometerweit ihr Gepäck und die Kleinkinder an der Autobahn entlang tragen müssen. Vereinzelt haben wir auch Menschen mit Verletzungen aus dem Krieg in Syrien getroffen.
Die Stimmung ist bei einigen trotzdem weniger aufgebracht als gedacht; im Gespräch haben uns manche gesagt, dass sie in Syrien so viel Elend gesehen haben, dass das Chaos hier nicht so schwer wiegt. Neben Verzweiflung sieht man in den Gesichtern meist Resignation. Die Menschen hier organisieren jeden Tag friedliche Demonstrationen vor der Grenze, die auch von den Medien aufgenommen werden.
Gestern Abend gingen im Idomeni-Camp die Zelte, Schlafsäcke und Decken aus, sodass sehr viele Menschen, teilweise mit Säuglingen, im Regen unter freien Himmel schlafen mussten. Diejenigen, die ein Zelt ergattern konnten, schlafen entweder in großen und überfüllten UNHCR Zelten oder vor allem in kleinen Campingzelten auf den umliegenden Feldern. Der Rest versucht sich die Nacht über an Feuern aus Müll warm zu halten. Gestern halfen zwei von uns einer Großfamilie ein unvollständiges und bereits kaputtes Campingzelt aufzubauen, welches wie so viele andere im Camp in den nächsten Tagen schon völlig in sich zusammengestürzt sein wird.

Weiter gibt es Gerüchte, dass das Camp nach drei Tagen der Grenzschließung am Montag komplett geräumt werden soll. Im Umkreis hier um Polykastro werden riesige Hotspots (mit einer angeblichen Kapazität von 10 000 Personen) auf dem Gelände eines alten Flughafen und Militärgeländes errichtet, was diese Gerüchte leider unterstützt. Die letzten Räumungen wurden sehr gewaltsam von der Polizei durchgeführt, wobei die Flüchtenden oft nicht mal ihren Besitz mitnehmen konnten und die meisten Zelte völlig zerstört werden. Deswegen werden einige aus der Gruppe versuchen, diese Nacht im Camp zu bleiben, um morgen früh der Situation wenigstens ein wenig Öffentlichkeit zu geben. Denn bei den letzten Räumungen hat die Polizei auch in Zivil im Umkreis von 3km allen Journalisten, Freiwilligen, NGOs den Zutritt zum Camp verwehrt, sodass die brutale Räumung nicht dokumentiert werden konnte. Einige Flüchtende, die versucht haben, das brutale Vorgehen gegenüber Kindern und Frauen zu filmen, wurden festgenommen.

Flüchtenden, die keinen Originalpass besitzen, haben leider überhaupt keine Chancen die Grenze legal zu passieren und dadurch ihr Asylrecht in irgendeinem europäischen Land wahrzunehmen. Auch von Botschaften ausgestellte Dokumente oder Geburtsurkunden etc. werden seit neuestem nicht mehr akzeptiert, sodass diese Personengruppe wie so viele Menschen auf Grund ihrer Herkunft illegalisiert werden.
Auch haben Flüchtende keinerlei Rechtssicherheit, sodass ihnen ständig eine Verhaftung droht. Einige aus der Gruppe der Freiwilligen haben auch Kontakt zu Flüchtenden in den Gefängnissen in Evzoni und Idomeni und berichten, dass dort besonders viele Minderjährige festgehalten werden. Aus welchen Gründen, ist unklar. Viele der Flüchtenden, die aufgrund ihrer Herkunft keine Chance haben, „legal“ die Balkanroute zu nehmen, versuchen über unterschiedliche Wege in den Bergen über die Grenze zu laufen. Wenn sie von der Polizei entdeckt werden, werden sie relativ wahllos manchmal in ein Abschiebelager in Mazedonien gebracht, zurück ins Camp in Idomeni oder eben ins Gefängnis. Die offizielle Erklärung dafür ist, dass sie gegen mögliche Schlepper oder die Mafia als Zeugen aussagen sollen, allerdings gibt es nach den Beobachtungen hier keinerlei Prozesse. Die Inhaftierten berichten weiter, dass sie seit einem Monat keine Informationen und keinen Zugang zu Waschmöglichkeiten bekommen und nicht mit Essen versorgt werden.

Da es die großen Organisationen wie UNHCR oder Ärzte ohne Grenzen es nicht schaffen, die Flüchtenden im Camp von Idomeni mit auch nur einer Mahlzeit am Tag zu versorgen, ist die Freiwilligengruppe hier im Haus zum einzigen verlässlichen Nahrungsversorger geworden. Die Küche läuft auf Hochtouren, sodass wir die letzten Tage an der Tankstelle und im Camp Essen an ca. 7000 Menschen austeilen konnten und so zum Glück alle satt wurden. Das funktioniert nur, weil 20-30 Freiwillige gleichzeitig hunderte Kilos an Gemüse Schnippeln, abwaschen und die Suppe in riesigen Töpfen mit einer Art von Paddel umrühren. Die Stimmung dabei ist aber immer sehr gut (außer vielleicht man ist gerade mit den Kartoffeln an der Reihe), alle sind hoch motiviert, wir führen spannende Unterhaltungen, hören Musik. Immer wieder versuchen wir uns mit den leider nur griechisch sprechenden Senioren unterhalten, die oft vorbei schauen und sich über unseren verrückten Haufen wundern.
Die fertige Suppe wird dann in Transportbehältern, offenen Töpfen, einer Gulaschkanone und allem was wir sonst noch finden können verladen. Gerade für das Camp, in welchem ca. 6000 Portionen ausgegeben werden ist das eine echte Herausforderungen, aber nach 1 ½ Stunden Laden macht sich unser verrückter Konvoi aus ca. 10 Autos, Transportern, bemalten Bussen und einer umgebauten Ambulanz auf dem Weg ins Camp. Für die Essensausgabe dort brauchen wir dann ca. 4 Stunden und 25 Personen. Glücklicherweise haben wir bei der Verteilung aber auch sehr viel Hilfe von den Flüchtenden selbst. Nachdem alle etwas zu essen bekommen haben, feiern wir gemeinsam, das alle satt sind und dass noch Essen übrig ist. Die Stimmung ist dann grandios und alle freuen sich über die Musik die wir mitbringen und zu der gerade die Kinder wirklich beindruckend tanzen, während wir uns daneben hauptsächlich blamieren.

Auch wenn das vielleicht etwas pathetisch klingen mag, haben wir so das Gefühl, den Menschen wenigstens kurzzeitig etwas Ablenkung und Freude geben zu können. Und auf jeden Fall die Sicherheit, dass sie an diesem Tag etwas warmes zu Essen bekommen haben.

Bericht von Tanja und Magdalena

Kategorien: Idomeni

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