Erst geflüchtet, dann vertrieben

Nachdem wir am Donnerstag den Vertrag für die Räumlichkeiten unseres Projektes noch nicht haben unterzeichnen können, da der Besitzer kurzfristig mal aus der Stadt raus wollte (ähem …), konnten wir dieses Wochenende noch nicht mit den Arbeiten im Begegnungszentrum und der Holzwerkstatt beginnen. Am morgigen Montag wird es dann (hoffentlich) so weit sein.

Letzten Mittwoch lernten wir einen Lehrer aus Afghanistan kennen, der sich im Camp in Adashevci aufhält. In seiner Zeit in Griechenland hatte er andere Schutzsuchende in Englisch unterrichtet und wollte dies nun gerne in Adashevci fortsetzen. Dort existieren allerdings keine Helferstrukturen, weshalb er nach Belgrad gekommen ist, um hier um Unterstützung für sein Projekt zu bitten. Wir besorgten ihm ein Whiteboard mit Markern, Stifte und Hefte für knapp 70 „Schüler“. Er freute sich sehr über die Unterstützung und meldet sich ab und zu mal bei uns, um zu berichten, wie es bei ihm voran geht.

Anika und Carlo machten sich am Donnerstag auf dem Weg nach Belgrad. In München wurde der VW Bus beim Lager von „Heimatstern“ vollgepackt mit Kleidung, Hygienartikel und Sonnencreme. Als dann der Bus nachts um 3 die kroatisch-serbische Grenze überqueren wollte, gab es unerwartete Schwierigkeiten, weil die Papiere für unsere Hilfsgüter anscheinend nicht ausreichten. Aufgrund schlechten Englischs der Grenzpolizei kam es zu vielen Missverständnissen und es war uns nicht klar, welche Papiere uns genau fehlten und wir mussten letztendlich nach 15 Stunden Aufenthalt an der Grenze übermüdet nach Kroatien zurück kehren, wo wir zum Glück unsere Ladung übergangsweise im Haus eines kroatischen Freiwilligen lassen konnten. Mit 24-stündiger Verspätung kamen wir in der Nacht von Freitag auf Samstag endlich in Belgrad an. Carlo verstärkt das Team in Belgrad. Anika fuhr am nächsten Tag weiter nach Griechenland um dort das Infoteam und andere Projekte zu unterstützen.

So fing der Freitagmorgen bereits mit unangenehmen Neuigkeiten an. Auf meinem Weg zum Büro von „Refugee Aid Serbia“, die uns bei den Grenzproblemen helfen wollten, kam ich an den Parks vorbei und wunderte mich, dass die „Schlafplätze“ wie leergefegt waren. Ich traf ein paar Bekannte, die mir dann mitteilten, dass die Polizei in der vorangegangenen Nacht die Parks geräumt und die Schutzsuchenden in das Camp Krnjača bei Belgrad gebracht hatte. Etliche waren allerdings davongerannt und hatten sich in leer stehenden Lagerhallen hinter dem Hauptbahnhof versteckt. Im Laufe des Tages füllten sich die Parks langsam wieder, da die Zustände in Krnjača nicht haltbar seien. Zum einen sei das Camp maßlos überfüllt (bis zu zwölf Menschen in Vierbettzimmern), zum anderen habe es keine Essensausgabe gegeben. Offiziell ist Krnjača ein offenes Camp. Uns wurde allerdings berichtet, dass die Schutzsuchenden, die zurück nach Belgrad wollten, gesetzeswidrigerweise nicht herausgelassen wurden, weshalb sie über die Zäune entflohen waren.

Im Laufe des Freitags kam die Polizei immer wieder mit Bussen und forderte die Menschen auf, sich nach Krnjača zu begeben. Dabei wurde ich Zeuge, wie ihnen unrechtlicherweise damit gedroht wurde, dass sie verhaftet würden, sollten sie sich nicht nach Krnjača begeben wollen. Von den alten Hasen unter den Belgrader Helfern haben wir gehört, dass es in der Vergangenheit immer wieder solche Aktionen von Seiten der Stadt gegeben habe, die nie langfristig effektiv gewesen seien. Allerdings zeige die Polizei zurzeit eine besondere Hartnäckigkeit.

Mitunter wurde den Schutzsuchenden die Option gegeben, nicht mit nach Krnjača zu fahren, solange sie sich nachts nicht in den Parks oder den leerstehenden Lagerhallen aufhielten, was die effektiven Schlafmöglichkeiten drastisch reduziert. Dies ist insbesondere deshalb gefährlich, als dass einzelne Menschen, die im Freien schlafen, wesentlich gefährdeter sind als Gruppen, die sich in der Not noch selbst verteidigen können. Gefährlich ist das Schlafen im Freien ohnehin. In den letzten Wochen gab es kaum eine Nacht, in der die Menschen im Park nicht von Menschen aus der Belgrader Bevölkerung überfallen und beraubt worden sind.

Um uns selbst ein Bild von der Lage in Krnjača zu machen, fuhren wir mit unserem Bus in Richtung Camp. Allerdings kamen wir dort nie an, da der Bus unterwegs stehen blieb. Wir haben es gerade so zurück bis zu unserem angestammten Parkplatz geschafft und werden am Montag versuchen, den Bus wieder fit zu machen. Ein spanischer Freelance-Journalist, den wir am Mittwoch kennen gelernt hatten, war allerdings vor Ort am Camp und bestätigte, was wir gehört hatten.

Am gestrigen Samstag füllten sich die Parks nur sehr schleppend. Wir entschieden uns deshalb, herum zu fragen, wer Lust habe, mit uns einen Ausflug zu einer Insel zu machen, die dort liegt, wo sich Save und Donau treffen. Als eine zwölfköpfige Gruppe machten wir uns dann auf den Weg und verbrachten einen sehr schönen Nachmittag und Abend am Wasser im Grünen. Wie immer wurden Karten und Schach gespielt. Seilspringen und Singen gehörten natürlich auch dazu. Darüber hinaus konnten wir zwischen Bäumen die Slackline aufspannen, die Carlo und Anika mitgebracht hatten um darauf zu balancieren. Das kam nicht nur bei uns allen gut an, auch ein paar Serben gesellten sich zu uns und versuchten sich einmal auf der Slackline.

So trug uns der Nachmittag an die Donau, und der Strom nahm ein paar der Sorgen mit sich. Als wir zum Sonnenuntergang am Ufer saßen, setzte sich einer unserer Begleiter neben mich und sagte: „Dieser Tag war für mich sehr wichtig. Es tat gut, einmal nicht an die eigenen Probleme denken, nicht ständig einen Blick über die Schulter werfen zu müssen. Einfach mal ein richtiger Mensch sein.“

Da ein paar unserer Freunde aufgrund der unsicheren Schlafmöglichkeiten in der Stadt die Nacht in Krnjača verbringen wollten, machte wir uns früher als gehofft auf den Rückweg, damit sie den Polizeibus dorthin noch erreichen konnten. Heute Morgen erreichte mich dann ein Video, auf dem zu sehen ist, dass sie nicht mehr ins Lager gelassen wurden, da es bereits mehr als überfüllt gewesen sei. Ihnen wurde gesagt, sie sollten doch zurück in den Park gehen … wo sie die Nacht schließlich verbrachten, wissen wir nicht.

Heute Nachmittag wird in den Parks ein Fest stattfinden um Solidarität mit den Schutzsuchenden zu bekunden. Essen, Musik, Tänze und andere Aktivitäten sind geplant. Auch ein kleines Violinenkonzert wird es wieder geben. Ein weiterer Beitrag von uns sind mehrere Kilo Hummus, die Elena und Carlos zubereiten, während ich dies schreibe. Die Stadt hat das Fest genehmigt. Wir werden sehen, ob sie zu ihrem Wort steht.

Verfasst von Henry

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