Subotica – Situation und Eindrücke

Vor zwei Wochen sind die ersten drei Leute von uns in Subotica angekommen, während der Rest der Gruppe in Belgrad geblieben ist. Subotica liegt ca. 10 km von der ungarischen Grenze entfernt, weswegen sich eine größere Zahl an Flüchtenden in der Stadt und weiteren Umgebung aufhält. Schätzungen zufolge waren es bis vor ein paar Tagen 300-400, die in einer alten Ziegelfabrik, im Wald in Zelten, hinterm Bahnhof und in verlassenen Häusern schliefen. Uneingeschränkten Zugang zu Wasser gibt es nur aus einem Brunnen an der Ziegelfabrik, der stark versalzen und schadstoffbelastet ist. Die Versorgung der Menschen übernehmen verschiedene Gruppen Freiwilliger, die sich in Aufgabenbereiche einteilen.

Der erste Tag hier fing mit einem Erfolgserlebnis an, als wir unsere selbst gebastelte Handyladestation in Betrieb nahmen und sie viel genutzt wurde! Die Station hat 25 USB-Stecker und wird mit einer Autobatterie betrieben. Da die Station bisher bei allen sehr gut ankommt, bauen wir gerade eine Zweite. Täglich stellen wir sie an zwei verschiedenen Orten auf. So sind wir vormittags in einer alten Ziegelfabrik, wo sich eine der größten Gruppen aufhält, und mittags bei der Essensausgabe anwesend.

Die tägliche Essensausgabe stellt nicht nur eine absolut notwendige Grundversorgung für die Flüchtenden her, sondern hat auch eine wichtige soziale Funktion. Sie ist der Ort, an dem andere Freiwillige und wir den unmittelbarsten Kontakt zu den Flüchtenden haben, die hier ab 13 Uhr zusammenkommen. Es werden Lebensmittelspenden und kalte Verpflegung ausgegeben, bis es um 16 Uhr dann eine warme Mahlzeit gibt. In diesem 3-stündigen Zeitfenster wollten wir uns mit einer Wasserausgabe etablieren, was in den darauffolgenden Tagen erfolgreich umgesetzt wurde, die neben unserer Handyladestation eine zweite Unterstützung für die dortigen Flüchtenden sein soll. Wir organisierten einen großen Wassertank, überlegten uns eine Konstruktion zur Wasserausgabe, sowie zur täglichen Befüllung des Tanks. Von Ärzte ohne Grenzen haben wir hundert 20-Liter-Kanister zur Verfügung gestellt bekommen, mit Aussicht auf weitere in Zukunft. Diese wollen wir so verteilen, dass sich immer mehrere Flüchtende einen teilen und jeden Tag wieder auffüllen können. Dazu stellen wir an der Ziegelfabrik und im Wald 200-Liter-Tanks auf, damit die Flüchtenden auch nachts oder bei Engpässen sauberes Wasser zapfen können.

All dies wird die tägliche Ausgabe von abgefüllten Flaschen ersetzen, die ca. 1000 Euro/Woche gekostet hat und von Ärzte ohne Grenzen finanziert wurde. Im Vergleich dazu kostet unsere Lösung 15 Euro/Woche ohne Anschaffungskosten und ist eine dauerhafte Lösung, die hoffentlich nach unserer Abreise übernommen wird.

Letzten Freitagmorgen zwischen 4-5 Uhr gab es eine große Polizeiaktion, bei der ca. 140 Flüchtende in Busse verfrachtet und nach Preševo in ein geschlossenes Camp gebracht wurden. Aktionen wie diese haben zum Ziel, möglichst viele Flüchtende in Camps unterzubringen, damit sie sich registrieren. Die Angst vor dem Camp in Preševo ist unter den Flüchtenden groß, weil es geschlossen, umzäunt und bewacht ist und weil es nah an der mazedonischen Grenze liegt. Im letzten Jahr gab es von dort einige Fälle von illegalen Abschiebungen nach Mazedonien[1] und auch die 140 Flüchtenden aus Subotica wurden alle nach Mazedonien gebracht[2]. Polizeiaktionen wie diese passieren leider immer wieder. Wir erlebten einen etwas traurigen Moment, als wir mit einer Gruppe von Flüchtenden Kuchen essen wollten, die in einem verlassenen Haus lebten. Ein paar Tage vorher waren wir bei ihnen, damit sie ihre Handys an unserer Station laden konnten. Als wir ankamen, fanden wir das Haus leer vor. Sachen wie Decken, Essen, Ladekabel, Handys und Anderem wurden zurückgelassen und es schien, als würden die Bewohner jeden Moment wiederkommen, dabei wussten wir, dass sie weg sind. Rausgerissen aus dem Leben wie aus einem Bild, das spiegelt die Situation vieler Flüchtender wieder.

Aufgrund der aussichtslosen Lage an der ungarischen Grenze verlassen viele Flüchtende momentan Subotica und fahren nach Belgrad. Auch nach Šid fahren einige, um von dort nach Kroatien zu gelangen.

Vor einer Woche sind fünf weitere Helfende in Subotica angekommen, um Rigardu zu unterstützen. Ein Teil von uns wird gerade bei einer mobilen Duschstation eingearbeitet, die pro Tag 20 Flüchtende nutzen können. Durch mangelnde Hygiene aufgrund der Umstände haben viele der Flüchtenden mit Krätze und Kleiderläusen zu kämpfen. Nach der Dusche bekommt jeder frische Kleidung, die speziell gegen die beiden Krankheiten behandelt wurde.

Durch unsere Arbeit lernen wir die Leute und die Orte sehr schnell kennen. Persönliche Erlebnisse hatten wir letztens, als wir zu Tee und selbstgebackenem Fladenbrot eingeladen wurden oder als Klara und ich von Wadi aus Pakistan als unser persönlicher Guide durch den Wald geführt wurden. Er zeigte uns, wo er und seine Freunde gerade wohnen, wo er vor zwei Monaten oder noch vor zwei Tagen wohnte.

Tagsüber sind wir also an verschiedenen Ecken tätig, kommen aber abends wieder zusammen und berichten uns von unseren Erlebnissen. Gemeinsam haben wir bis jetzt viel geschafft und werden auch die nächsten Wochen noch einiges auf die Beine stellen.

Verfasst von Mieke

[1] https://medium.com/@AreYouSyrious/ays-daily-news-digest-9-11-refugee-testimonies-about-mistreatment-in-serbia-8c2bc49e529c#.amtjuuq08 (Abruf 13.3.2017) und http://www.qatar-tribune.com/news-details/id/40236 (Abruf 13.3.2017)

[2] https://medium.com/@AreYouSyrious/ays-daily-digest-12-3-2017-a-psychological-war-against-refugees-bc7c45762607#.wirbs893o (Abruf 18.3.2017)

 

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