Was heißt Winterzeit für uns? Winterzeit kann Vorfreude auf Schnee sein, den Atem sehen, Mützen stricken, Wintersport, am Kamin sitzen und in toller winterlicher Atmosphäre Tee trinken. Aber was bedeutet Winterzeit für Menschen auf der Flucht? Was bedeutet es für mich? Für mich bedeutet es Stress. Eine Strickmütze bedeutet für mich den Schutz vor Kälte und wenn ich sehe, dass jemand bei Minustemperaturen keine hat, weil es für ihn/sie nicht selbstverständlich ist eine zu haben, wird mir umso kälter. Freude auf Schnee? Die letzten Male, wenn es geschneit hat, war mein erster Gedanke: „Oh nein, jetzt wird es richtig ernst“. Zu sehen, wie die Flüchtenden bei Schneefall in ihren Flipflops ummantelt mit einer Decke zittern und selbst ihre Mimik eingefroren ist, erschüttert einen und lässt einen den kindlichen Gedanken an Schneeballschlachten im Winterwonderland vergessen. Gemütliche Wärme am Kamin mit toller winterlicher Atmosphäre? Ich sehe ein Feuer, ich sehe 20 junge Männer eingewickelt in Decken drumherum sitzen und ihre Körper wärmen. Das hat nichts mehr mit Atmosphäre zu tun – vielmehr mit Nichterfrieren, mit Überleben. Und Überleben heißt, den Körper warm zu halten, sei es mit Tee, mit Decken, Schlafsäcken oder Duschen.

Wenn wir Duschen anbieten, geben wir den Leuten so viel Zeit wie sie brauchen um sich aufzuwärmen, es zu genießen und nicht nur den „Waschcharakter“ zu haben. Sie scherzen, lachen und wollen kein Ende der Dusche – und das ist mehr als nur erwünscht! – verbraucht aber auch mehr Wasser, das wir bereitstellen müssen. Seitdem es kalt ist haben wir unser Angebot für den Kleiderwechsel erhöht – wir bieten den Flüchtenden nun immer zu den Unterhosen noch zusätzlich lange warme Unterhosen, T-Shirts, Longsleeves, Pullover und warme Wintersocken an. Außerdem verteilen wir einmal pro Woche Winterkleidung und Decken in Sombor, das südwestlich von Subotica ebenfalls an der ungarischen Grenze gelegen ist. Mehr Kleidung bedeutet aber mehr Wäsche. Wir waschen 24h pro Tag und trotzdem wird der Wäscheberg nicht kleiner. Vor allem aber wollen wir jede Person mit den gleichen Dingen ausstatten, weshalb wir insgesamt auf mehr Sachspenden angewiesen sind, die wir organisieren müssen. Das Wechseln der Klamotten ist wichtig, um Hautkrankheiten wie Krätze vorzubeugen. Dazu unterstützt uns MSF (Ärzte ohne Grenzen) in unserem „Hygiene Care Project“.

Schnee, Regen und Matsch machen außerdem wetterfeste und wasserdichte Kleidung erforderlich, um die Körper wenigstens notdürftig vor kalter Witterung zu schützen. Dazu braucht es mehr Spenden und Aufwand, diese zu organisieren, z.B. durch direkte Spendentransporte aus Deutschland oder Unterstützung anderer Organisationen in Serbien. Im Winter verteilen wir so viele Decken und Schlafsäcke wie möglich, was mehr Arbeit hinsichtlich der Beschaffung und der Verteilung neben dem normalen Arbeitspensum bedeutet.

Auch jetzt bleibt das Ziel der Flüchtenden, weiter voranzukommen und Serbien hinter sich zu lassen. Das „Game“, also der Versuch der Grenzüberquerung, ist anstrengend, und im Winter die Gefahr, im unbelaubten Wald entdeckt zu werden, noch höher. Durch die kalten Temperaturen brauchen die Menschen dazu noch mehr Energie, auch weil eine Methode der Diskriminierung der Grenzbeamten sein kann, die Flüchtenden stundenlang gefesselt im Freien festzuhalten.

Neben dieser Situation ist es auch eine Extremsituation für die Freiwilligen geworden: Täglich von 9 bis 18 Uhr der Kälte ausgesetzt zu sein ist eine harte Arbeitsbedingung. Das Wetter erschwert das Erreichen der Einsatzorte, den sogenannten Spots, mit dem Transporter erheblich. Wenn es regnet, bleibt der Transporter mit Sachspenden, Wassertank und Ausrüstung unausweichlich im Schlamm stecken und es braucht viele Hände, ihn wieder zu befreien. Das kostet Zeit und Nerven.

Außerdem gibt es weniger Sonnenstunden am Tag und es wird schneller dunkel, was es uns nur bis zu einer bestimmten Zeit erlaubt in den Spots zu sein. Wenn die Anzahl der Leute, die Duschen wollen, höher ist, müssen wir das Tempo anziehen, um nicht im Dunkeln noch in den Spots zu sein. Da wir in Subotica zwei Spots pro Tag abdecken, heißt das doppelte Anstrengung, denn der Pavillon und das Duschsystem mit allem drumherum muss zwei Mal auf- und wieder abgebaut werden. Ohne Pavillon kann man es den Leuten wirklich nicht zumuten, denn der er ist ein wichtiger Schutz vor der Kälte und zudem ein guter Ort um geschützt ein bisschen Privatsphäre beim doch so intimen Duschgang zu bekommen. So fügen wir auch immer wieder neue Extras hinzu, zuletzt den neuen Heizstrahler für den Pavillon, um Erkältungen vorzubeugen. Davor haben wir das Duschsystem um einen gasbetriebenen Heizer erweitert, um das Wasser ausreichend warm heizen zu können, was aber höhere Ausgaben für die Duschen bedeutet.

Was zuletzt für Flüchtende, aber auch für Freiwillige eine weitere Herausforderung darstellt ist der Fakt, dass man tagtäglich in frustrierte, traurige und motivationslose Gesichter blickt. Man könnte sagen, sie sind eingefroren! Im Verhältnis zum Sommer gibt es seltener Leute, die Späße machen, seltener Leute die einem ein Lächeln schenken und das macht es für uns Freiwillige ebenfalls schwerer, ein Lächeln zu finden und gute Laune zu bewahren. Gerne möchte man die Flüchtenden mit seinem eigenen Lächeln anstecken, was aber richtig schwerfällt, denn wenn man sich ihre Umstände aktuell anschaut, muss man lange nach einem Grund suchen, um von Herzen lachen zu können.

Die aktuelle Winterzeit bedeutet also alles andere als Gemütlichkeit und Après-Ski. Es bedeutet Entbehrungen und erfordert größte Anstrengungen. Insgesamt verbrauchen alle mehr Reserven, sei es Kraft, Zeit Geld, Materialien, Spenden und Unterstützung – von allem noch mehr als sonst schon.

Verfasst von Nathalie und Mieke


1 Kommentar

Ausgegrenzt und fast vergessen – Die Situation fliehender Menschen an der ungarischen Grenze. – F. E. E. L. – Effect · 23. Februar 2018 um 18:41

[…] P.S. Wer mehr über die Arbeit von Rigardu wissen will, kann den Beitrag vom Verein selber zur aktuellen Situation im Winter lesen. (https://archiv.rigardu.de/2018/02/12/im-winter-von-allem-ein-bisschen-mehr/) […]

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