Seit zwei Wochen sind wir zu dritt in Belgrad, um die aktuellen Projekte vorzubereiten. In diesem Text möchten wir euch einen Überblick über die Lage in Serbien geben, und wie wir darauf reagieren werden.

Über die Situation in Serbien

In Serbien halten sich laut UNHCR derzeit etwa 7.700 Flüchtende auf, ein Großteil davon möchte in andere europäische Länder weiterreisen. Die meisten Flüchtenden kommen aus Afghanistan, gefolgt von Pakistan, Syrien, Irak und Iran. Fast alle sind in einem der 17 offiziellen Camps registriert, die größten Ausnahmen bilden Belgrad und Subotica. Wir rechnen damit, dass mit steigenden Temperaturen mehr Flüchtende ankommen werden. Es ist sowohl legal als auch illegal fast unmöglich geworden, die Grenzen nach Ungarn oder Kroatien zu überqueren. An fünf Tagen pro Woche dürfen jeweils 10 Menschen legal die Grenze nach Ungarn überqueren. Große NGOs, darunter auch UNHCR, berichten über illegale Deportationen von Flüchtenden aus Serbien nach Mazedonien.

Belgrad

In Belgrad leben ca. 1100 Menschen in leerstehenden Lagerhallen hinter dem Bahnhof. Sie werden unterstützt von zahlreichen serbischen und internationalen Organisationen, die Essen, Feuerholz, Kleidung, Holzöfen, Toiletten und kulturelle Angebote zur Verfügung stellen. Die Unterstützung durch Organisationen und unabhängige Freiwillige ist in letzter Zeit stark angestiegen, während die Anzahl der Flüchtenden eher rückläufig war. Trotzdem schlafen immer noch mehr als 1000 Menschen in rauchigen, stickigen, undichten Hallen auf Pappen und Decken, bekommen nur eine warme Mahlzeit pro Tag und haben immer noch keinen Zugang zu größeren Hygieeinrichtungen.

Tägliche Essensausgabe zwischen den Lagerhallen

Schlaflager in den Hallen

Es gibt in Belgrad außerdem zwei offizielle Camps, in denen sich derzeit etwa 2000 Flüchtende aufhalten. Wie in allen offiziellen Camps in Serbien ist es für Hilfsorganisationen schwer, Zutritt zu erhalten.

Subotica

Da die Temperaturen in den letzten Tagen deutlich wärmer wurden und dieser Trend laut dem Wetterbericht anhalten wird, ist damit zu rechnen, dass mehr Menschen versuchen werden, illegal die Grenzen zu überqueren. Das bedeutet, dass sich mehr Flüchtende in der Nähe der Grenzen aufhalten werden. Schon jetzt übernachten in Subotica an der serbisch-ungarischen Grenze 300-400 Flüchtende in leerstehenden Gebäuden oder Zelten. Sie werden von zwei Organisationen unterstützt, es gibt jedoch keine Duschen, nur einmal am Tag Trinkwasser und die Unterkünfte sind nicht dem Wetter angepasst. Im Vergleich zu Belgrad gibt es in Subotica relativ wenig Hilfe von Freiwilligen. Zudem wurde vor wenigen Tagen damit begonnen, die leerstehenden Gebäude abzureißen.

Die stillgelegte Ziegelfabrik, in der ca. 70 Menschen übernachten

Flüchtende bleiben in Subotica meistens nur einige Tage, bevor sie versuchen, die Grenze zu überqueren.

Ressourcen

Seit zwei Wochen beschäftigen wir uns mit der Frage, wie unsere Möglichkeiten in der gegebenen Situation am sinnvollsten eingesetzt werden können. Dabei ist es wichtig, unsere Ressourcen zu kennen:

  • Unser Projektzeitraum beträgt zwei Monate. Eventuell können wir verlängern, wenn sich weitere Freiwillige finden.
  • Jederzeit werden zwischen 6 und 15 Freiwillige vor Ort sein, viele davon haben bereits Erfahrung mit Rigardu gesammelt. Wir haben den kompletten Projektzeitraum mit Projektleitungen aus dem Kreis der aktiven Mitglieder abgedeckt.
  • Bis jetzt stehen uns mehr als 5.000 Euro Spendengelder zur Verfügung, bei konkretem Bedarf rechnen wir mit zusätzlichen Spendeneinnahmen von unseren Unterstützerinnen und Unterstützern.
  • Die Situation in Serbien ist uns dank intensiver Vorarbeit und unserem Informationsprojekt bekannt. In Belgrad waren wir schon zwei Mal aktiv und haben dort auch hilfreiche Kontakte geknüpft.
  • Wir haben über unseren Blog und unsere Seite auf Facebook eine Reichweite von einigen hundert Menschen.

Pläne

Um unsere sehr vielfältigen Fähigkeiten und Ressourcen sinnvoll einzusetzen, möchten wir unsere Arbeit in den kommenden zwei Monaten auf zwei Einsatzorte verteilen:

Belgrad

In Belgrad sind bereits zahlreiche Organisationen aktiv, bei denen wir uns engagieren können. Welche Projekte wir tatsächlich unterstützen, hängt von den Freiwilligen ab, die für Rigardu vor Ort sind. Einige Ideen:

  • Deutschunterricht im Daily-Center, jeweils Montag, Mittwoch und Samstag. Es gibt eine Anfänger- und eine Fortgeschrittenengruppe, mit jeweils vier bis sieben SchülerInnen.
  • Unterstützung von Hot Food Idomeni. Diese Gruppe kocht jeden Tag ca. 1000 warme Mahlzeiten für die Menschen in den leerstehenden Hallen hinter dem Bahnhof. In der Küche arbeiten ca. 15-20 Freiwillige und Unterstützung ist sehr willkommen.
  • Workshops bei Miksalište. Das Zentrum von Miksalište ist nur 5 Minuten vom Daily-Center entfernt und wird jeden Tag von Flüchtenden aus den offiziellen Camps und aus den Hallen hinter dem Bahnhof besucht. Es gibt bereits einige Angebote, selbstständig organisierte und durchgeführte Workshopangebote für Kinder und Erwachsene werden aber noch gesucht.
  • Hilfe bei der Verteilung von Sachspenden von Refugee Aid Serbia. Die Verteilung dauert Nachmittags ca. eine Stunde und findet auf einem Parkplatz in der Nähe des Bahnhofs statt.
  • Hilfe bei der Holzausgabe der Soul Welders, jeden zweiten Tag. Um 9:30 Uhr verteilen Freiwillige „Tickets“, die später gegen Feuerholz eingetauscht werden können.
  • Projekte im Daily-Center:
    • gemeinsam mit den BesucherInnen die Wände streichen
    • Gestaltung des Außenbereichs, sobald das Wetter etwas wärmer ist
    • verschiedene Bauprojekte, zum Beispiel Regale im Schuppen, damit Sachspenden sortiert gelagert werden können

Außerdem können wir je nach Kapazitäten weiter Projekte initiieren, wie zum Beispiel ein Fußballturnier für Flüchtende, oder ein mobiles Kino in den Hallen hinter dem Bahnhof.

Subotica

Ab Mitte dieser Woche haben wir für ca. eineinhalb Monate eine Sprinter zur Verfügung, der uns von „Signal of Solidarity Bremen“ direkt in Belgrad zur Verfügung gestellt wird. Damit möchten wir eine mobile Unterstützungsstation einrichten. Einige Ideen dafür:

  • Ausgabe von Trinkwasser
  • Bereitstellung von Strom zum Laden der Handys
  • Ausgabe von Baumaterial (z.B. Plastikplanen)

Diese Grundversorgung ist bis jetzt nicht gewährleistet. Vermutlich werden wir Flüchtende sehr individuell unterstützen, je nachdem was sie gerade brauchen.

Dieser Plan ist gemeinsam mit einer in Subotica aktiven Organisation (Fresh Response) entstanden, mit der wir auch weiterhin in Kontakt stehen. In Subotica wurden bereits zwei Gemeinschaftszentren für Flüchtende von den Behörden geschlossen. Deshalb planen wir die Unterstützung nicht (was viel einfacher wäre) durch eine gemietete Immobilie, sondern unauffällig und mobil aus einem Auto.

Trotzdem sind wir uns sicher, dass die örtlichen Behörden unserer Arbeit skeptisch gegenüberstehen werden, weil sie in unserer Unterstützung einen „pull factor“ für Flüchtende sehen. Damit ist der Vorwurf gemeint, dass das unregistrierte Aufhalten in der Grenzregion und damit auch eventuell Versuche, die Grenze zu überqueren, durch unsere Arbeit erleichtert werden.

Ausblick

Wir sind selbst gespannt darauf, wie es weitergeht und werden euch auf unserem Blog über unsere Arbeit und die Entwicklungen in Belgrad, Subotica und Serbien auf dem Laufenden halten. Natürlich freuen wir uns auch über Kritik und Feedback, sowie Ratschläge zu unseren Plänen.

Verfasst von Martin


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